Die einzig wirkliche Griechin
Was für eine Tragödin! Am Leib von Nina Hoss als Medea wird das Schwarz wieder zu dem, was es einmal war: die Farbe des Todes, die Farbe der archaischen Landbevölkerung, die Farbe des großen Nein zur bunten Mittelstandswelt des in seiner Berliner Variante sehr gegenwärtig ausschauenden Korinth. Ausgerechnet die Barbarin aus dem halbwilden Kolchis ist unter den dortigen Seifenopernhellenen die einzige wirkliche Griechin, stolz und kompromisslos, göttergleich das eher kleine männliche Objekt ihrer Liebe überragend.
Medea, das ist seit zweieinhalb Jahrtausenden bekannt, stirbt nicht, sie lässt lieber sterben. Als ihr Gatte Jason (Michael Neuenschwander) durch eine Heirat die soziale Leiter hinaufsteigen möchte, mordet sie ihre Kinder, vergiftet ihre Nebenbuhlerin sowie deren Vater – und kommt auch noch ungeschoren davon. Das ist heute vielleicht ein noch größerer Skandal als in der Antike, die ja ein – gelinde gesagt – unsentimentales Verhältnis zum Kind hatte (man denke nur an den ziemlich bedenkenlos ausgesetzten Ödipus). Die Herausforderung, die darin liegt, uns so eine Frau nahe zu bringen, ohne sie durch eine Selbsterfahrungsgruppenpsychologie zu banalisieren, haben in der ...
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Das Stück endet in der Katastrophe: Der Vater stirbt, die Ehefrau wird wegen Missbrauchs eines Minderjährigen verurteilt, weitere Beziehungen sind zerstört oder ihr Aufkommen wird im Keim erstickt. Oder es schließt mit Happy End: Denn der angeblich missbrauchte Junge und die Tochter beginnen eine Beziehung – die die Fehler der Eltern vielleicht vermeidet ....
... waren unsere 40 Kritiker in dieser Spielzeit ganz sicher: Eine satte 18-köpfige Mehrheit kürte Ulrich Khuons Hamburger Thalia Theater zum Theater des Jahres. Vor dem Berliner Maxim Gorki Theater mit 4 Voten liegt auf Platz 2 mit ehrenvollen 6 Stimmen das Deutsche Theater in Berlin, das sich außerdem freuen kann, die Inszenierung des Jahres gewagt zu haben,...
Die Russen sind endgültig im Westen angekommen. Moskau ist kapitalistischer, dynamischer und luxuriöser als jede deutsche Stadt. Auch die Provinz ändert sich, langsamer zwar, aber unaufhaltsam. Der vom Westen eingeklagte Mangel an Demokratie ist nicht das, was die meisten Russen bewegt. Längst ist auch der Normalbürger an das globale Geflecht der Waren- und...
