Die Angst des Polizisten vor dem Flüchtenden
Eine verschneite Landschaft, eine abgelegene Straße, zwei Männer im Gebüsch versteckt. Sie stehen sich gegenüber, nur durch die Straße voneinander entfernt, sie können sich nicht sehen, aber sie sprechen miteinander. Sie erzählen von Familienausflügen, von Betriebsfeiern, von diversen Liebschaften. Sie äußern sich heiter, bisweilen geradezu aufschneiderisch vollmundig, aber auch ein gegenseitiges Abtasten, eine diffuse Angst scheint im Gespräch mitzuschwingen.
Auf einmal, sie überbieten sich in flachen Witzen, stellt sich eine Unheimlichkeit ein, eine merkwürdige Atmosphäre, bedrohlich und komisch zugleich. Ein langes Schweigen setzt ein. Beide versuchen, den anderen zu erspähen, ohne dabei selbst gesehen zu werden. Einer versucht, auf einen mickrigen Baum zu steigen, scheitert dabei aber kläglich. Sie würden sich wohl gern um den Hals fallen, aber die Angst, von dem anderen erkannt zu werden, hält sie davon ab.
Das Gespräch droht völlig zu versanden, da marschiert plötzlich eine Blaskapelle die Straße entlang. Für Sekunden erlöst die Musik die beiden aus ihrem Kommunikationswirrwarr, katapultiert sie aus dem Gefühl latenter Bedrohung in ersehnte Harmonie. Die Kapelle schwebt ...
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Theater heute Jahrbuch 2007
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 168
von Rita Thiele
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