Das Kuscheltheater-Syndrom
Magst du für das Jahrbuch darüber schreiben, warum das Thalia Theater so toll ist?» Ein Super-Auftrag, den mir Franz Wille so en passant am Telefon mit auf den Weg gibt. Und ich bin auch noch so blöd, zuzusagen! Aber er wird Recht haben, mir wird ungeheuer vieles einfallen, schließlich bin ich wirklich gerne an diesem Theater.
Was also könnte ich schreiben, ohne von meinem sowieso viel gelobten Intendanten zu schwärmen, von meinen wunderbaren Kollegen, von dem großartigen Ensemble, den erfolgreichen Regisseuren, dem treuen Publikum, von Hannelore und Uwe, den beiden seelenvollen Kantinenwirten... Was, ohne in Eigenlob zu verfallen? In Betrachtung der letzten sieben Jahre fallen mir spontan folgende zwei Begebenheiten ein.
Thalheimer und die Meute im Foyer
September 2000, die Eröffnungspremiere der ersten Spielzeit unter Ulrich Khuon ist gerade gelaufen. Geschafft verlasse ich den Zuschauerraum, fühle mich selbst noch fremd in der biederen Holztäfelung des engen Thalia Foyers, da nimmt er Anlauf, der erste Schlag in die empfindliche Magengrube. Lässig von der Seite nörgelt ein Kritiker, den man unbenommen der intellektuellen Sorte zurechnen darf: Du, Sonja, wenn ihr diesen ...
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Theater heute Jahrbuch 2007
Rubrik: Thalia des Jahres: Selbstlob, Seite 44
von Sonja Anders
40 Kritiker sind kurz vor Saisonschluss noch einmal in sich gegangen, haben die theatertollen Köpfe durchlüftet und sich nach langem, qualvollen Ringen für ihre Höhepunkte des Jahres entschieden. Ihre Wahl ist wie immer einseitig, ungerecht, egozentrisch – und völlig unfehlbar.
Auf den folgenden Seiten die funkelnden Spitzen der deutschsprachigen Theaterwelt,...
Die Russen sind endgültig im Westen angekommen. Moskau ist kapitalistischer, dynamischer und luxuriöser als jede deutsche Stadt. Auch die Provinz ändert sich, langsamer zwar, aber unaufhaltsam. Der vom Westen eingeklagte Mangel an Demokratie ist nicht das, was die meisten Russen bewegt. Längst ist auch der Normalbürger an das globale Geflecht der Waren- und...
Man kann in Berlin in diesem Sommer kaum mehr zum Zahnarzt gehen, ohne von einem verzückten Dentisten auf Peter Steins «Wallenstein» angesprochen zu werden. Vielleicht liegt es nur an den berufsständischen Parallelen: Wo der eine zehn Stunden schenkelstarre Zuschaudemut verlangt, lebt der andere von jeher davon, Menschen in einen Sessel zu bitten, in dem sie...
