Der Zwilling im Gehirn
Am 9. November 1989 feiert eine Gesellschaft in der franko-kanadischen Provinz Quebec Geburtstag: den von Aimée. Die junge Frau ist schwanger – und sie hat einen Tumor im Gehirn. Mehr noch, während ihrer epileptischen Anfälle fällt sie gleichsam aus der Zeit, erinnert Geschehnisse aus dem Jahr 1917, nennt den Namen eines französischen Soldaten – Lucien. Die nächste Szene spielt sechzehn Jahre später, also 2005 oder 2006. Die sechzehn-jährige Loup, mit der Aimée 1989 schwanger war, trifft den Paläontologen Douglas Dupontel. Sie untersuchen den Tod von Aimée.
Bereits hier zeigt sich, dass die Erinnerungen und das Wissen über Aimées Leben und Tod immer wieder korrigiert und neu gewertet werden müssen. Zuerst im Detail: Die Feier fand eine Woche nach dem Fall der Berliner Mauer statt, nicht, wie überliefert, am selben Tag – dann im Wesentlichen: Hinter dem Tumor im Gehirn verbarg sich ein sonderbarer Knochen, der im Gehirn Aimées nistete.
Dieser Knochen war einst ein Embryo, der Fötus des Zwillings, den Aimée noch im Bauch ihrer Mutter sich einverleibt hatte – ein Fall von pränatalem Kannibalismus. Der Knochen-Fötus, der getötete Bruder, der im Aimées Gehirn gewachsen ist, hat die ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 172
von Jörg Bochow
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