Wollsocken für die Front
Wie deutsche Bürger zu Nazis wurden, meinen wir zu wissen, aber in Belgien sieht es mit Aufarbeitung verbrecherischer Vergangenheit etwas anders aus, wie man auch den unkritisch kolonialen Königsskulpturen mit dankbaren Sklaven zu Füßen im ganzen Land immer noch ablesen kann. Nach der Auseinandersetzung mit den belgischen Massakern im Kongo hat sich Luk Perceval im zweiten Teil seiner Trilogie «The Sorrows of Belgium» für das NT Gent der Begeisterung Flanderns für den Faschismus gewidmet.
Erzählt wird in seinem Schwarzweiß-Film die Geschichte einer Familie: Vater, Mutter, Tochter, zwei Onkel, in langsamen Großaufnahmen. Wie aus der Zeit gefallen wirken die Bilder, elegant angelehnt an die 1930er Jahre die Kostüme mit Kniestrümpfen, Kragen und kurzen Hosen (Kostüme: Ilse Vandenbussche). Sohn Jef hat sich freiwillig für die Ostfront gemeldet, es klagt die Mutter über den Auszug des sensiblen Sohns, der seine Nase stets in Bücher und Finkenzucht steckte, es freut sich der Vater über den Männlichkeitsschub und gibt Tipps für den Schützengraben: «Wanderschuhe mit Wollsocken.»
Herzzerreißende, aber patriotisch entschlossene Briefe schreibt Jef nun von der Front, sie kommen aus einem ...
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Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 51
von Dorothea Marcus
So müssen sich die antiken Griechen gefühlt haben, wenn sie bei der Uraufführung eines Tragödienzyklus waren. Ein großes gemeinschaftliches Erlebnis und die faszinierende Neugestaltung eines alten Mythos: Das war «Dionysos Stadt» 2018 an den Münchner Kammerspielen. Christopher Rüping gelang damals eine so kluge wie berührende zeitgenössische Neudeutung des...
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