Der wilde Denker

Wolfram Weimer, der neue Staatsminister für Kultur und Medien

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Um ein Haar wäre Uli Hoeneß Kulturstaatsminister geworden. Er hat schließlich auch eine Villa am Tegernsee, seine sportliche Leidenschaft gilt allerdings nicht dem Golf wie angeblich bei den Nachbarn Friedrich Merz und Wolfram Weimar, sondern bekanntlich dem Fußball. Aber Ulis Bälle waren wahrscheinlich ein paar Nummern zu groß für den Kanzler. Dabei hätten sie gut gepasst für die Löcher, die sich in der Bundeskulturpolitik bald auftun werden.

Auf die dauerenthusiastische Selbstbegeisterungskünstlerin Claudia Roth, der größere Erfolge leider erspart blieben, folgt jetzt ein formulierungsfreudiger Traditionalist. Der Tellerrand des Geistes von Wolfram Weimer lässt sich gut überblicken: Er erklärt sich gern, zum Beispiel in seiner Bekenntnis-Programmschrift «Das konservative Manifest» von 2018.

Erwartungsgemäß halten «Konservative auf Respekt vor dem Ererbten, ihnen ist Geschichte etwas, Theorie aber etwas anderes». Letzteres ist zwar reichlich banal, aber in der Sache korrekt. Ein Teller ist ja auch etwas anderes als eine Tasse. Etwas abgründiger dagegen Weimers spezielle Interessen: «Konservative interessieren sich für Geschichte und Geschichten, für ihre Städte und Gebäude und auch ihre Friedhöfe.» Der Abteilung Erinnerungskultur im BAK werden sich große Horizonte erschließen.

In Sachen Ehe und Familie besucht Weimer dafür gerne die Grabstätten lange tot geglaubter Vorurteile: Der Konservative lehnt «Ideologien für Ehe und Familie» ab, «etwa die Gender-Ideologie der vergangenen Jahre, die den Unterschied und natürliche Aufeinander-Bezogenheit von Mann und Frau leugnet». Eine fröhliche neue queerfeindliche Heteronorma -tivität tönt da die nächsten Jahre aus dem Nebenbüro des Bundeskanzlers. Nur gut, dass René Pollesch das nicht mehr erleben muss.

Wolfram Weimar denkt in großen Bögen: Er vermisst «sinnstiftende Geschichten» und «große Erzählungen»: «Kaum ein Horizont der Deutschen reicht weiter zurück als 1933, wir kennen die langen Linien unserer Herkunft nicht, nicht einmal mehr ihre rudimentären Sagen.» Doch das Problem ist mit nordischen Mythen im Schulunterricht nicht gelöst. Denn – und jetzt geht es ums wirklich wilde Denken unseres besorgten Konservativen – wenn eine Gesellschaft «die Geborgenheit in Traditionen und Geschichte verliert», dann neige sie zu «Sicherheitsreflexen» – und da schreibt er sich erst richtig in Rage: «Allein die Verkehrsüberwachung ist ein Repressionssymptom: 20 Millionen Straßenschilder prägen Deutschland, alle 28 Meter steht eines, mit jedem Atemzug wird jemand geblitzt, mit jedem Wimpernschlag gibt es einen Strafzettel wegen Falschparkens, neun Millionen Bürger haben inzwischen Punkte in Flensburg, der Staat drangsaliert mit seinen in Büschen kauernden Polizisten selbst brave Muttis auf Ausfallstraßen.» Brave Muttis auf Ausfallstraßen – steht da wirklich auf Seite 40. Der neue Kollege Verkehrsminister kann sich auf einiges gefasst machen.

Einmal warm geredet, geht es in der Folge gegen Fahrradhelme, Rauchverbote, das Alarmpiepsen im Auto, wenn man den Gurt nicht anlegt, Veganer, Leistungsverächter, Quoten, Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten und Integrationsberater. Weiter zu Armutsbekämpfern, Präventionsräten, Klimarettern, um sich schließlich auch über deutsche Finanzämter und ihre zahlreichen Steuerparagrafen aufzuregen. Der Mann neigt eindeutig zu blutdruckeskalierenden Eruptionen. Sein:e Referent:in sollte jederzeit ein starkes Beruhigungsmittel in der Schublade vorhalten.

Aber wir bleiben ernst: Wenn das Recht «untergraben» wird, ist der Konservative jederzeit kritisch zur Stelle: «Das ist zum Beispiel der Fall, wenn etwas linke Randalierer oder kleinkriminelle Migranten weniger streng sanktioniert werden als andere.» Warum jetzt gerade die und nicht, sagen wir, millionenschwere Wirtschaftsverbrecher oder Steuerhinterzieher? Da könnte Uli Hoeneß endlich auch wieder mitreden.

Eine ordentliche Portion Kaiser Wilhelm steckt ebenfalls in unserem neuen Kulturstaatsminister. Die Aufgabe der europäischen Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundene «erdrutschartige Machtverlust» wurde im «alten Kontinent nicht einmal bedauert»: «Man betrachtete die eigene Kolonialgeschichte mit moralischen Gewissensbissen als illegitime Expansion». Na, sowas! Und weiter: «Noch heute wird in den Lehrplänen der Schulen (vor allem Mittel- und Nordeuropas) die dunkle Seite der Kolonialisierung als durchgehender Sündenfall dargestellt und kritisiert.» Unerhört!

Nur in Spanien, Portugal und England habe man einen «etwas anderen Blick auf die eigene zivilisatorische Leistung, die in einer Welteroberung steckt». Man darf gespannt sein, was der koloniale Herrenreiter im Bundeskanzleramt zu Restitutionsansprüchen an die ihm unterstellte Stiftung Preußischer Kulturbesitz sagen wird. Gehört doch alles uns! Die alten Referate K47 und K48 im BKM, Provenienzforschung und Aufarbeitung des Kolonialismus, können sofort eingespart werden. Bürokratieabbau, hurra!

Uli, willst du nicht doch noch einspringen? 


Theater heute Juni 2025
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille

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