Der Trip in die Kugel

Clemens J. Setz’ «Monde vor der Landung» erkunden den Schöpfer der Hohlwelt-Theorie

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Schafe, alles Schafe», denkt Peter Bender oft in einer Art aufgebrachtem Mitleid, wenn er im Worms der 1920er Jahre die anderen Menschen an sich vorbeieilen sieht. Ihnen allen, diesen bedauernswerten Geschöpfen, fehlt nicht nur jede tiefere Einsicht in die Materie, sondern sie unternehmen auch keinerlei Anstrengung, zu selbiger zu gelangen! Für die träge Gleichgültigkeit, in der sie sich zeit ihres Lebens mit der Behauptung abspeisen lassen, sie lebten auf einer Kugel, hat der Schriftsteller Bender, der Protagonist von Clemens J.

Setz’ jüngstem Roman «Monde vor der Landung», nur milderhabene Verachtung übrig.

Bender ist ein führender Verfechter der so genannten «Hohlwelt-Theorie». Die verortet – quasi im diametralen Gegensatz zum kopernikanischen Weltbild – die Menschheit nicht auf, sondern in einer Kugel. Außerhalb dieses Rundkörpers gibt es jener Theorie zufolge – nichts.

Peter Bender existierte tatsächlich – genau wie die nämliche Theorie. Und Setz hat auch gründlich recherchiert und spielt insofern mit dem dokumentarischen Vorbild, als er Faksimiles der (raren) Dokumente in seinen Roman einspeist, die vom realen Peter Bender existieren. Dass die Einzelheiten seiner ...

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Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Bücher, Seite 52
von Christine Wahl

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