Der Rest ist Spielbank

Elfriede Jelinek «Die Kontrakte des Kaufmanns» (Schauspiel Frankfurt)

Theater heute - Logo

Was vom Abend übrig bleibt, ist ein Jeton. Zumindest, wenn man ihn nicht in der Pause verspielt hat. Die Pause nämlich dient nicht nur der allgemeinen Blasenentleerung, sondern
bedient den kollektiven Spieltrieb. Es gibt Sekt, Casinotische und ein Szenario, das die eigentliche Aufführung vorher und nachher ziemlich in den Schatten stellt.

Erst zögerlich, dann wie ausgehungert stürzen sich die Menschen, eben noch Zuschauer, jetzt Akteure, auf die Croupiers und ihre mit grünem Velours bespannten Tische, verjubeln ihr Spielgeld beim Black Jack, drängen sich, zunehmend aggressiver, beim Roulette. Es wird gezockt, was die Bank hergibt, und spätestens beim dritten Sekt hat jeder vergessen, dass er hier eigentlich im Theater ist.

Schließlich wird Elfriede Jelineks «Die Kontrakte des Kaufmanns» in der ehemaligen Diamantenbörse gegeben, einem seit langem leerstehenden hässlichen Hochhaus in der Frank­furter Innenstadt. Hier ist Jelineks prophetisches Werk, das knapp vor der Finanzkrise entstanden und von Geldgierskandalen inspiriert ist, am richtigen Ort. In den 70er Jahren war die Diamantenbörse ein Symbol der Kapitalvernichtung: Die Erbauer und Gründer, ein schillernd-zwielichtiges Duo ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Paula van Bergen

Weitere Beiträge
Hochglanz-Fasching

Man muss die vier Schauspieler, vor allem Klaus Brömmelmeier als Lenglumé, dafür bewundern, wie präzis und atemlos flott das alles vonstatten geht, dieser unendliche Unsinn. Wie satt und sauber da jedes Wort sitzt, wie dicht da eins ins andere fällt, genauso wie das Wohnzimmer der Lenglumés zu Beginn, das nicht auf der Bühne (von Thilo Reuter) steht, sondern mit...

Achtung, Rezeptionskontrolle

Es waren vergleichsweise idyllische Zeiten, als Festivalmacher wie kleine James Cooks durch die Welt reisten und interessante Thea­terkompagnien entdeckten, als wären es unbekannte Inselgruppen. Man packte eine New Yorker Off-Off-Produktion ins Körbchen, ließ sich vom Direktor eines argentinischen Hinterhoftheaters unter den Tisch saufen und steckte, vom Kollegen...

Das grünhaarige Multitalent

Franz WilleImmer mehr Leute, die sich früher Dramaturg genannt hätten, heißen heute Kuratoren. Ist das ein reines Etikettenphänomen – heute hat sogar der Berliner Zoo einen «Bären-Kurator» –, oder was ist neu an dieser Arbeitsplatzbeschreibung?

Marion HirteSo wie ich das Festivalwesen ver­stehe und damit den neuen Begriff des Kurators, wäre wohl der Unterschied,...