«Der Rest ist echt»
In Karin Beiers Inszenierung von Elfriede Jelineks großer Abrechnung mit der Pandemie – oder vielmehr: mit uns Menschen, uns als Gesellschaft in der Pandemie –, in «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» also gibt es einen Moment, in dem die Schauspielerin Julia Wieninger aus allen Rollen zu fallen scheint. Bis zu diesem Punkt sah sie wie ihre fabelhaften Kolleginnen Josefine Israel, Eva Mattes und Angelika Richter aus wie ein Alien mit gigantischen Daunenjacken, Pelzkappen, Moon-Boots gerüstet und trug die Sonnenschutz-Zinkcreme zentimeterdick auf den aufgespritzen Lippen.
Als mondäne, in ihrer Konsumlust obszöne Skihäsin in einer Tiroler Spaßscheune packte sie bergeweise Amazonpakete aus. Als Kirke – denn Jelinek verschneidet ihre Corona-Farce mit Motiven aus der Odyssee – versammelte sie, ganz resolute Herbergsmutter und rastlose Animateurin, die Mannschaft zum «Gesellschaftsspiel», in dem Jan-Peter Kampwirth, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt und Ernst Stötzner zu Schweinen mutierten. Als Teamplayerin in einem überaus spielfreudigen Ensemble vergewaltigte sie eine Sexpuppe, simulierte eine kollabierende Lunge und half mit im Schweineschlachthof, in den sich die Bühnenhölle ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Eva Behrendt
Wenn das Telefon klingelt, ist der Spaß vorbei. Dann ist Rom in der Leitung, die Pflicht ruft. Immerhin leben Antonius und Kleopatra noch im Zeitalter der Wählscheibenapparate mit Kringelschnur, die Erreichbarkeit bleibt also überschaubar. Sonst würde Shakespeares Plot auch in sich zusammenbrechen, der zwischen Äypten und Rom zwei Welt- und Menschenbilder...
Der Starez Sossima, der heilige Mönch, liegt halb erhöht im offenen Sarg wie Holbeins Christus, ausgestellt als Wundertäter, und stinkt. Statt des erwarteten Wunders ereignet sich Fäulnis, und in einer grotesken Choreografie versuchen die Trauergäste und Jünger, mit angehaltenem Atem dem Kadaver gegenüber Haltung zu bewahren. Noch ein paar würdevolle Worte, bis...
Das ist doch mal konsequent: Sie habe «keine Lust mehr gehabt auf das eitle Kulturgedöns in der Hauptstadt», gibt die ehemalige Museumskuratorin Theta zu Protokoll. Und im Gegensatz zu vielen anderen Unlustbekennerinnen und -bekennern, die das «Gedöns» dann trotzdem noch jahrzehntelang weiter reproduzieren, hat Theta tatsächlich den Ausstieg vollzogen. Sie ist ins...
