Vergnügen ist Arbeit
Wenn das Telefon klingelt, ist der Spaß vorbei. Dann ist Rom in der Leitung, die Pflicht ruft. Immerhin leben Antonius und Kleopatra noch im Zeitalter der Wählscheibenapparate mit Kringelschnur, die Erreichbarkeit bleibt also überschaubar. Sonst würde Shakespeares Plot auch in sich zusammenbrechen, der zwischen Äypten und Rom zwei Welt- und Menschenbilder aufspannt: Vergnügen gegen Effizienz, Hedonismus gegen Verwaltungsmacht, Verschwendung gegen Vernunft.
Shakespeares «Antonius und Kleopatra» ist von allen Spielplänen schon lange so gut wie verschwunden, und das hat gute Gründe. Sein Märchen-Ägypten ist ein kolonialer Traum, Eroberungskriege sind allgemein akzeptierter Alltag, sein Kleopatra-Frauenbild eine aufgeblasene Männerfantasie, Gewalt eine allgemein akzeptierte Umgangsform, Rassismus an der Tagesordnung. Alles schwer vermittelbar in einem öffentlichen Theater unter kritischer Medienbeobachtung. Das Stück ist eine einzige Falltür in alle Höllen des Missbrauchs.
Dagegen hat Regisseurin Claudia Bauer gleich mehrere gestaffelte Verteidigungslinien gezogen: Einen Disclaimer als Untertitel, «eine Shakespeare-Installation im Kolonialstil»; eine radikale Strichfassung, die fast ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille
ALTENBURG/GERA, THEATER
30. Samjatin, √My Episode I: Willkommen in Mytopia (U)
R. Manuel Kressin
BADEN-BADEN, THEATER
9. Majumdar, GewaltFreiheit – Tibet (Pah-Lak)
R. Lhakpa Tsering und Harald Fuhrmann
18. Golding, Herr der Fliegen
R. Isabell Dachsteiner
30. Norman und Stoppard, Shakespeare in Love
R. Lydia Bunk
BAMBERG, ETA HOFFMANN THEATER
30. von Horváth, Zur...
Man blickt in das Innere eines schwarzen Müllsacks. Dichte, durchhängende Planen kleiden den Bühnenraum des Gorki aus. Im Sack liegen zwei stilisierte Scheißhaufen, die aussehen, als stammten sie aus einem 3D-Drucker. Fünf androgyne Wesen stolpern etwas unbeholfen hinein. Sie tragen weiß, schwarz, lila, kantige Schulterpolster. In ihren Raumfahrt-Anzügen sehen sie...
Das ist doch mal konsequent: Sie habe «keine Lust mehr gehabt auf das eitle Kulturgedöns in der Hauptstadt», gibt die ehemalige Museumskuratorin Theta zu Protokoll. Und im Gegensatz zu vielen anderen Unlustbekennerinnen und -bekennern, die das «Gedöns» dann trotzdem noch jahrzehntelang weiter reproduzieren, hat Theta tatsächlich den Ausstieg vollzogen. Sie ist ins...
