Der menschliche Anschlussfehler

Zum Spielzeitende in Stuttgart zeigt Sebastian Baumgarten sehr lebendige «Tote Seelen», und René Pollesch übernimmt das Autokino Kornwestheim

Die russische Seele ist ein schwarzes Loch. Und zwar eines ohne Boden. Ob Wodka, Rubel oder Moral – alles versickert auf Nimmerwiedersehen. In Stuttgart sind es genau genommen gleich zwei schwarze Löcher, gebildet von den Augenhöhlen eines riesigen Schädels, der in der Bühnenmitte thront. Dieser Schädel, militärisch behelmt und mit Schutzbrille, ist Spielort und Symbol. In und um ihn kreist alles, wenn er nicht gerade per Drehbühne um die eigene Achse rotiert.

Dabei ist dieser Totenkopf weniger ein Memento mori als Zeichen des schwarzhumorigen Wirtschaftsdeterminismus von Nikolai Gogols Roman «Tote Seelen» von 1842.

Formell ist der Kapitalismus eigentlich noch gar nicht so recht auf der Welt in Gogols Russland, praktisch aber schon in vollem Gange. Pawel Iwanowitsch Tschitschikow will eigentlich nur mitspielen im Reigen der Reichen. Aus kleinen Verhältnissen hat er sich hochgearbeitet und will nun endlich das große Geschäft machen. Und zwar mit einem besonderen Business-Modell: Er setzt auf die Toten. Von Gutsbe­sitzern versucht er Leibeigene, auch «Seelen» genannt, zu kaufen, die das Zeitliche gesegnet haben. Mit ihren Leichen hat Tschitschikow allerdings nichts am Hut, er will ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2016
Rubrik: Aufführungen/Neue Stücke, Seite 12
von Kristin Becker

Weitere Beiträge
Gespenster der Vergangenheit

Patricia Benecke In Ihrem Stück «Drei Winter» ist Tochter Alicia, wie Sie 2003, von Zagreb nach London gezogen. Wie ist das Immigrantenleben in London? Haben Sie nach inzwischen 13 Jahren das Gefühl, ganz ange­kommen zu sein?
Tena Stivicic Das Außenseiter-Gefühl wird wohl nie ganz verschwinden. Daran bin ich zum Teil selber schuld (lacht), aber die britische...

Sehnsucht nach terra incognita

Normal Theatre Is Boring» steht auf dem Pappschild, das eine Performerin mit grellbuntem Rock und strammen Zöpfen ins Publikum streckt. Nein, langweilig ist dieser Theaterabend keineswegs: Die Zuschauer hocken auf plastikbezogenen Kissen am Boden, sie tragen Regenponchos und Ohrstöpsel gegen die künstlerischen Zumutungen von Toco Nikaido und ihrer Gruppe Miss...

Nachruf: Luftgeist mit Würde

Silvia Fenz schien sich ausschließlich von Luft und Liebe zu ernähren, so zart und klein sah sie aus. Dabei hatte ihr die Liebe persönlich gar nicht so viel Glück gebracht. Seit ich sie kennengelernt hatte, vor mehr als 20 Jahren, war sie auf der Suche nach ihr und hat sie, die einmal Verlorengegangene, doch nie so richtig wiedergefunden. Vielleicht inhalierte sie...