Feuer, Armut und Hölle

Romeo Castelluccis «Orestie», Lars-Ole Walburgs «Rocco und seine Brüder» und die biblische «Apokalypse» von Herbert Fritsch bei den 70. Ruhrfestspielen

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Es ist ein Has’ entsprungen. Der Wächter und Chorführer im Horror-Haus der Atriden trägt Hasen-Ohren. In der Nähe des Schauspielers, der wie elektrisch aufgeladen an Strippen hängt und später von seinem Blut überschwemmt wird, steht noch eine putzig kleine Figurengruppe von Vorgarten-Hasen. Beuys und Schlingensief haben das Totemtier, das ikonografisch für den Heiland, für Wiedergeburt, Tod und Auferstehung steht, in ihre Kunst-Religion integriert. Nun auch Romeo Castellucci in seiner erzkatholischen Liturgie des Archaischen.

 

Nach den «Glieder beschwerenden Gefechten» vor Trojas Mauern kehrt Agamemnon heim, schuldbeladen durch die Opferung seiner Tochter Iphigenie. Der Frevel wird ihn das Leben kosten. An der Rampe des Ruhrfestspielhauses segelt eine Flotte Spielzeugschiffe entlang. Das Festival-Motto im 70. Recklinghauser Jubiläumsjahr lautete «Mare Nostrum?». Euro­pas Geburtswasser wirbelte die Antike, das griechische Erbe, das lateinische Mittelalter, Italiens Hochkultur auf und brach sich in Wellen an den Gegenwartskonflikten. 

 

Nackt, bloß, fett: Castelluccis «Orestie»

 

Der Filmprojektor auf nachtdunkler Bühne ist als einziges matt beleuchtet. Der Apparat wirft lodernde ...

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Theater heute August/September 2016
Rubrik: Festivals, Seite 38
von Andreas Wilink

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