Feuer, Armut und Hölle
Es ist ein Has’ entsprungen. Der Wächter und Chorführer im Horror-Haus der Atriden trägt Hasen-Ohren. In der Nähe des Schauspielers, der wie elektrisch aufgeladen an Strippen hängt und später von seinem Blut überschwemmt wird, steht noch eine putzig kleine Figurengruppe von Vorgarten-Hasen. Beuys und Schlingensief haben das Totemtier, das ikonografisch für den Heiland, für Wiedergeburt, Tod und Auferstehung steht, in ihre Kunst-Religion integriert. Nun auch Romeo Castellucci in seiner erzkatholischen Liturgie des Archaischen.
Nach den «Glieder beschwerenden Gefechten» vor Trojas Mauern kehrt Agamemnon heim, schuldbeladen durch die Opferung seiner Tochter Iphigenie. Der Frevel wird ihn das Leben kosten. An der Rampe des Ruhrfestspielhauses segelt eine Flotte Spielzeugschiffe entlang. Das Festival-Motto im 70. Recklinghauser Jubiläumsjahr lautete «Mare Nostrum?». Europas Geburtswasser wirbelte die Antike, das griechische Erbe, das lateinische Mittelalter, Italiens Hochkultur auf und brach sich in Wellen an den Gegenwartskonflikten.
Nackt, bloß, fett: Castelluccis «Orestie»
Der Filmprojektor auf nachtdunkler Bühne ist als einziges matt beleuchtet. Der Apparat wirft lodernde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2016
Rubrik: Festivals, Seite 38
von Andreas Wilink
«Meide die Popkultur», riet der Lieder- und Theatermacher PeterLicht einst, «die Popkultur ist nicht gut für uns.» Und der Sänger hatte Recht: Die Popkultur ist eine Fabrik, die Talente einsaugt und Wracks ausspuckt. Zumindest beschreibt Joey Goebel den Komplex in seinem Roman «Torture the Artist» (auf Deutsch 2005 als «Vincent» erschienen) so: Der Held wird als...
Gut möglich, dass die letzten von Intendant Markus Hinterhäuser verantworteten Wiener Festwochen auch die letzten ihrer Art waren. Unter Hinterhäusers Nachfolger Tomas Zierhofer-Kin dürfte das Festival einen etwas anderen Charakter bekommen. Dieser will neue Präsentationsformen, mehr Popmusik und Diskurs anbieten und damit ein breiteres Publikum ansprechen. Die...
Schon eine einzige entstandene Mädchenschule in Afghanistan rechtfertigt den ISAF-Einsatz», sagt die Performerin, während die mutmaßliche Urheberin dieser Worte, eine 23-jährige afghanische Studentin und Aktivistin aus analphabetischem Hause, unbewegt von der Videoleinwand blickt. Nur wenige Minuten später wird ihr in «Conversion/Nach Afghanistan» widersprochen:...
