Der Krieg ist zurück
Azar Mortazavi beschreibt in ihrem neuen Stück zunächst leise und sensibel eine Miniaturgesellschaft im deutschen Alltag, um Schritt für Schritt die Perspektive auf ein größeres, ein Menschheitsthema zu weiten. Wie konnten wir annehmen, den Krieg gäbe es nur anderswo? Kriege finden in scheinbar sicherer Entfernung statt, verursachen nur ab und zu einen kleinen Erkenntnisschock beim Blick in die täglichen Nachrichten.
Was uns mit den Kriegen der Welt jedoch umso stärker verknüpft, ist die Tatsache, dass immer sichtbarer Menschen, die den Krieg erlebt haben, mitten in unserer Gesellschaft leben, mit deutschen Pässen, das «neue deutsche Wir» verkörpernd. Diese Menschen und ihre Nachfahren bringen ihre Geschichten mit und mit ihnen den Krieg. Nicht als terroristische Aktion, wie oft dräuend suggeriert wird, sondern als seelischen Stoff, als Thema, Sujet, als Kraft. Der Krieg kommt also zurück, wenn auch sublimiert und umgewandelt. Und hierin liegt eine Chance des Theaters.
Die junge deutsche Autorin Azar Mortazavi, deren Vater aus dem Iran stammt, ist Chronistin von Schockwellen, die unseren scheinbar friedlichen Innerweltkosmos erschüttern. Sie beobachtet feine Haarrisse im Gefüge ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 192
von Peter Helling
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte...
Schuhe aus Beton muss Fandra Fatale tragen, damit sie nicht den Boden unter den Füßen verliert und endlich ihr Leben meistern kann. Albert Wegelin erinnert an Hermann Melvilles Bartleby und sein «Ich möchte lieber nicht» und wird doch ohne sein Zutun plötzlich ein mutiger Wut-Bürger. Der fette Karl Klotz ist in eine schwerelose Seiltänzerin verliebt. Herr...
Anna Jablonskajas «Familienszenen» handeln vom Krieg. Vom Kriegsheimkehrer Nikolaj, der als Offizier fünf Jahre an verschiedenen Krisenschauplätzen im Einsatz war und nun mit einem posttraumatischen Stresssyndrom in den Schoß der Familie, zu seiner Frau Irina und Sohn Wanja, zurückkehrt – Familienszenen.
Irina hat zwischenzeitlich eine Affäre mit Sergej, dem...
