Wir müssen alle überleben
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen». Mit diesem Satz betitelt Sibylle Berg ihr Stück des Jahres, das Sebastian Nübling Ende November am Berliner Gorki Theater uraufgeführt hat.
Es ist ein Satz, unbestimmt wie das Lebensgefühl derer, die ihn aussprechen. Was er bedeutet, wissen die vier Frauen womöglich selbst nicht, und genau damit müssen sie jetzt zurechtkommen. Mit diesem angefangenen Dasein. Mit dieser Sehnsucht nach einem «Liebeskontext». Mit diesem Warten auf den Sinn, der niemals kommt.
Aber keine Sorge, wir sind nicht bei Beckett. Wir sind bei Sibylle Berg, der in Zürich lebenden Autorin, die neben böser Rollenprosa und göttlichen Kolumnen eben auch fürs Theater schreibt, und in diesen Fällen ist ihr Metier nicht selten die Satire, die dem Lächerlichen immer noch ein Lächeln abtrotzt. Kann auch mal ein Feixen sein. «Es sagt mir nichts, das ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Stücke des Jahres, Seite 80
von Stephan Reuter
TH Wir sitzen hier am Ende einer erfolgreichen Spielzeit, Ihrer ersten am Gorki Theater. Ihr Vorgänger Armin Petras hatte hier ein allseits geschätztes, sehr interessantes Theater gemacht, dass Sie sehr kurzfristig übernommen und gründlich umgekrempelt haben. Stadttheater sind ja eigentlich recht beharrliche Betriebe – wie geht das?
Shermin Langhoff Bei mir vor...
Was macht Inszenierungen des Jahres aus? Tolle Schauspieler? Geniale Regisseure? Solide Subventionsverhältnisse? Klar doch! Aber da war doch noch etwas anderes.
Kritisches Theater, zum Beispiel.
Aber was ist das nun wieder? Und wie funktioniert es heute?
Azar Mortazavi beschreibt in ihrem neuen Stück zunächst leise und sensibel eine Miniaturgesellschaft im deutschen Alltag, um Schritt für Schritt die Perspektive auf ein größeres, ein Menschheitsthema zu weiten. Wie konnten wir annehmen, den Krieg gäbe es nur anderswo? Kriege finden in scheinbar sicherer Entfernung statt, verursachen nur ab und zu einen kleinen...
