Der konkrete Möglichkeitssinn
Am 26. Juni starb in Basel der Theater- und Opernregisseur Hans Hollmann, dessen wesentlichster Charakterzug Neugierde war, das Beobachten von Menschen und das Interesse für die Magie der Sprache, «die ausgestellt werden muss, nicht etwa erlebt werden darf». Wenn er auch in den Jahren 1960 bis 1990 rastlos an fast allen deutschsprachigen Bühnen inszenierte, machte er kein Stadttheater, sondern konfrontierte das Publikum mit gegenwartsnah interpretierten Klassikern und vielen zeitgenössischen Autoren, besonders mit Peter Handke, Elfriede Jelinek und Rainald Goetz.
Hans Hollmann, 1933 als Sohn eines Musikpädagogen in Graz geboren, fühlte sich zum Dirigenten berufen, entschied sich nach dem Abitur aber für ein Jurastudium, um sein Leben mit «Wirklichkeitssinn» auszustatten, damit der «Möglichkeitssinn», nach dem er zu leben trachtete, sich besser entfalten würde. Schließlich war der Autor des Romans «Der Mann ohne Eigenschaften» auch ein Grazer von Geburt. «Wer Möglichkeitssinn besitzt », heißt es in Musils Roman, «sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Sommer der Verluste, Seite 30
von Klaus Völker
Ich kann mich nicht beklagen über die Zeit mit ihm in Gießen vor 40 Jahren und auch nicht über die letzten Jahre zwischen 2016 bis 2019, in denen er uns oft in der Volksbühne besucht hat. Wo er 2016 mit Martin Wuttke und mir nach Proben geredet hat, oder mit mir in der Kantine. Ich hab jetzt gerade, wo ich über ihn nachdenke, das Gefühl, er hat alle Abende von mir...
Er ging meist auf weichen Sohlen, erinnerte, auch mit seinen listig klugen Augen, an eine weise, leise Katze. Aber Katzen sind zugleich Raubtiere. Dieser sanft wirkende, eher kleinwüchsige Mann, der, als er schon weltberühmt war, am liebsten in Jeans oder legeren Leinenhosen und mit offenem Hemd erschien, er brauchte keinen Auftritt, um einfach da zu sein. Und war...
Der Krieg, von dem auf der Bühne erzählt werden soll, ist der, der schon vor dem 24. Februar 2022 im Osten der Ukraine herrschte. Drei von fünf relativ jungen Menschen haben in ihm gekämpft: Katya Kotliarova und Slavik Gavianets als Sol -datin und Soldat an der Front, der Schauspieler Roman Kryvdyk als Sanitäter. Oxana Cherkashyna, ebenfalls Profi-Schauspielerin,...
