Der Aufbruch

Die letzten Tage der DDR, begleitet von einem zunehmend selbstbewussten Theater – und ein später Höhepunkt mit Heiner Müllers «Hamlet»-Inszenierung 1990 im Deutschen Theater Berlin. Ein Vorabdruck aus Günther Rühles posthum erscheinendem 3. Band des «Theaters in Deutschland»

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Mit Castorf und Einar Schleef waren im Sommer 1989 die beiden stärksten Vertreter des oppositionellen Theaters aus der DDR im Westen. Komplettierte sich das DDR-Exil? In dem Nebeneinander in Frankfurt und München sah man die Unterschiede. Schleef baute noch harte, thematisch klare Stücke, brauchte deutliche Konturen, klare Szenenfolgen, seine innovative Kraft verband Text und Darstellung. Schleef kam noch aus der Welt von Heiner Müller. Castorf – zehn Jahre später – wurde ergriffen von den Schwundkräften der DDR.

Der Staat, der Schleef noch aus dem Lande trieb, war für Castorf zynischer Verachtung ausgesetzt. Castorf produzierte seine persönliche Krise als eine der Kunst und wurde so der empfindsame und drastische Exponent der Entwicklung. Er holte stellvertretend nach, was im westlichen deutschen Theater seit Zadeks frühen Versuchen im Gang war: die Überwindung alter Lebensformen und Wertvorstellungen, die das Theater anschaulich bewahrte. In beiden Fällen ging es um Veränderung der ästhetischen Materialien als politische Stabilisatoren. 

Als Castorf Anfang November 1989 nach Berlin zurückkam, fand er seinen Osten im Taumel der Verwandlung, die Theater probierten den Aufstand. ...

Günther Rühle hat das Erscheinen seines Mammutwerks «Theater in Deutschland 1967–1995» nicht mehr erlebt. Er starb am 10. Dezember 2021. Der Band wurde fertiggestellt und herausgegeben von Hermann Beil und Stephan Dörschel. Ein Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer-Verlags, Frankfurt am Main. ca. 800 Seiten, 98 €

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Theater heute 10 2022
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 40
von Günther Rühle

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