Der Geruch von Lawinen
Drei braunweiße Bernhardiner altern in ihrem verwitterten Holzverschlag vor sich hin, um ihre felligen Hälse hängen die ikonischen kleinen Eichenfässchen. Wir befinden uns am Fuße eines großen Schweizer Bergs. Idyllisch. Doch was versteckt sich hinter dem romantischen Postkartenbild? Anaïs Clerc, in der Spielzeit 2023/24 Hausautorin bei den Bühnen Bern, zieht in ihrem Stück immer enger werdende Kreise um das, was nicht gesagt werden kann.
Ihr Schreiben unternimmt eine Suche nach einer Sprache für die Sprachlosigkeit, die sich Raum nimmt, wenn mehr passiert ist als besprochen werden kann. In Anaïs Clercs Alpenwelt sprechen sie alle, die Menschen wie die Nicht-Menschlichen: die Bernhardiner genauso wie der Berg. Sie haben viel erlebt und viel gesehen – und einiges dazu zu sagen. Die Eichenfässchen der Hunde schimmeln schon. Die Idylle scheint zu wanken. Der Berg grollt seit Neuestem vor sich hin, und bei genauerem Hinhören stellt sich heraus: Was wir für standhaft und unerschütterlich erachtet haben, steht nicht so still wie erwartet. Um zu beschreiben, welche (gesellschaftlichen) Veränderungen sich anbahnen, ringt Clerc mit ihren Protagonist:innen um Worte.
Die Bernhardiner sollen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 145
von Elisa Elwert
Wenn ich mit Kollegen aus der «Kunstblase» in verschiedenen Ländern darüber spreche, wie lange die Emanzipation der Ukrainer vom imperialen Einfluss Russlands dauert, treffe ich seltener auf Ablehnung oder Unverständnis als auf eine unaussprechliche Schwere und Trauer. Eine unsagbare geistige Trägheit. Heißt das, dass man alles neu lernen muss, das Brillenglas...
Ich habe mich vor allem in den letzten Jahren sehr über das Stadt- und Staatstheatersystem geärgert. Ich kam als junger Mensch mit Begeisterung ans Theater, weil ich dachte, die Bühne sei der Ort, auf der sich alle Darstellungsmittel auf so spektakuläre Weise verbinden können. Im Gegensatz zu allen anderen Künsten können im Theater wirklich alle Wahrnehmungsebenen...
Die Berliner Festspiele luden vom 13. bis 16. Juni zu den Thementagen «Reflexe & Reflexionen. Der 7. Oktober, der Gaza-Krieg und die Debatte in Deutschland» ein. Wie vergiftet die Debatte ist, zeigte sich am langen Katalog der «Richtlinien für freie Meinungsäußerung und respektvollen Austausch», den die Festspiele sich schon vorab zu veröffentlichen bemüßigt...
