Der Geruch von Lawinen

Anaïs Clerc «Schimmernde Schluchten»

Theater heute - Logo

Drei braunweiße Bernhardiner altern in ihrem verwitterten Holzverschlag vor sich hin, um ihre felligen Hälse hängen die ikonischen kleinen Eichenfässchen. Wir befinden uns am Fuße eines großen Schweizer Bergs. Idyllisch. Doch was versteckt sich hinter dem romantischen Postkartenbild? Anaïs Clerc, in der Spielzeit 2023/24 Hausautorin bei den Bühnen Bern, zieht in ihrem Stück immer enger werdende Kreise um das, was nicht gesagt werden kann.

Ihr Schreiben unternimmt eine Suche nach einer Sprache für die Sprachlosigkeit, die sich Raum nimmt, wenn mehr passiert ist als besprochen werden kann. In Anaïs Clercs Alpenwelt sprechen sie alle, die Menschen wie die Nicht-Menschlichen: die Bernhardiner genauso wie der Berg. Sie haben viel erlebt und viel gesehen – und einiges dazu zu sagen. Die Eichenfässchen der Hunde schimmeln schon. Die Idylle scheint zu wanken. Der Berg grollt seit Neuestem vor sich hin, und bei genauerem Hinhören stellt sich heraus: Was wir für standhaft und unerschütterlich erachtet haben, steht nicht so still wie erwartet. Um zu beschreiben, welche (gesellschaftlichen) Veränderungen sich anbahnen, ringt Clerc mit ihren Protagonist:innen um Worte.

Die Bernhardiner sollen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 145
von Elisa Elwert

Weitere Beiträge
Mit Kunst überrollen

Vor elf Jahren übernahm Karin Beier ein Theater, das am Boden lag. Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, das größte Sprechtheater des Landes, war von Friedrich Schirmer in die künstlerische Irrelevanz gesteuert worden, und nachdem Schirmer 2010 überraschend als Intendant zurückgetreten war, verwaltete eine kollektive Intendanz unter Leitung des Dramaturgen Florian...

Wie weit reicht Verantwortung?

Endlich erhält in den letzten Jahren die Frage, wie Menschen mit Behinderungen in den Theatern sichtbar werden und aktiv vorkommen können, zunehmend die dringend gebotene Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Diskurs. Gleichzeitig gibt es bisher noch immer wenige dramatische Texte, die sich mit dem Komplex Inklusion auseinandersetzen. Der 1987 in Bochum gebore -ne...

The Circle of Life

Seit jeher war das europäische Theater eine Ego-Show: Der Mensch hat sich mit sich selbst beschäftigt, Natur kam nur am Rande vor, als Gegenwelt, Bedrohung oder Seelenspiegel. Tragisches spielte sich – aristotelisch, aristokratisch – in Herrscherhäusern ab, tränenwürdig war nur der Sturz der Mäch tigen. Seit dem sozialen Realismus wird dieses Privileg auch den...