Der fremde Blick
Die Idee war folgende: Wäre es im Zeichen interkulturellen Engagements nicht nützlich, das deutsche Nationaldrama schlechthin, Goethes «Faust», und zwar selbstverständlich den ganzen, einmal dem prüfenden und forschenden Blick eines Nichtdeutschen und obendrein eines Nichtchristen auszusetzen, der in dem maßlosen Werk vielleicht etwas anderes entdeckt als die übliche Reibung zwischen einem notorischen Agnostiker (Goethe/Faust) und christlichem Gedankengut? Platz neben Goethe auf dem westöstlichen Diwan nahm der türkische Schauspieler und Regisseur Mahir Günsiray, der seit 1996 in Ist
anbul ein eigenes Theater leitet; ironischerweise schwebt im zweiten Teil des Abends tatsächlich ein blutroter Diwan in einer Kiste vom Schnürboden herab – die Französin Claude Leon hat die Bühne sparsam ausgestattet, der Boden ist mit Mulch bedeckt (der später mit Blut getränkt wird); im ersten Teil sah man die nummerierten Schnürbodenzüge mit einem Waschzuber behängt, einer Laterne, einem Vogelbauer: ein sympathischer Minimalismus.
Günsiray hat ein verblüffendes Konzept. Aus dem schalkhaften Einzelgänger Mephisto macht er ein Teufels-Kollektiv, vier Männer, vier Frauen. Diese Achterbande geht natürlich ...
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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Martin Krumbholz
Selbst sehr alte Hasen kommen aus dem Staunen nicht heraus. Und die Theatermacher selber wähnen sich schon mittendrin im «milagre», im «Wunder» von Sao Paulo – das «Teatro Oficina», die freie Gruppe um den charismatischen Regisseur Zé Celso Martinez Corréa, in Deutschland bekannt seit den Gastspielen 2004 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen und 2005 in der...
Doch, das sieht schon verdammt cool aus: Die Bühne soll ein Altersheim darstellen, wirkt aber dank der Rundum-Vergitterung wie die Hochsicherheitszelle für den Joker im Batman-Film «The Dark Knight». Dementsprechend scheint Mephisto in den Schminktopf von Heath Ledger gefallen zu sein, wenn er pferdefußschlurfend mit punkrockerstrubbeligem Blondschopf über die...
Jede Zeit liebt ihre Schauspieler auch für die Sprachmusik. Alexander Moissi tremoliert am Rande der Erschöpfung, Will Quadfliegs Monologe klingen aus tiefer Brust empor, Bruno Ganz stanzt die Worte, als folge er einem unregelmäßigen Taktstock, und Sophie Rois hustet Noise, wenn ihr Kehlkopf mal wieder zu streiken vorgibt. Auch die letzten Regisseure, die noch als...
