Der doppelte Beckmann

Wolfgang Borchert «Draußen vor der Tür»

Borchert, unplugged – das hätte man sich so vorzustellen: 50 Seiten Text voller Pathos, voller Redundanz, 16 Rollen, u.a. der liebe Gott, der Tod und die Elbe, das Ganze gipfelnd im Aufschrei: «Gibt mir denn keiner, keiner Antwort???»

«Draußen vor der Tür» ist eine invertierte Odyssee, der späte Kriegsheimkehrer erscheint nicht als kraftstrotzender Bogenschütze, der die Freier seiner Frau wegputzt, sondern als Jammergestalt mit Gasmaskenbrille, die sogar noch andächtig das Licht ausknipst, als sie sieht, dass das heimische Ehebett inzwischen anderweitig belegt ist.

«Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will»: Mit dieser ko­ketten Zeile lag der todkranke Autor daneben. «Draußen vor der Tür» wurde eines der erfolgreichsten Stücke der Nachkriegszeit; erst seit den Sechzigern verschwand es langsam von den Spielplänen. Und auch hier gab es Ausnahmen: namentlich Andreas Kriegenburgs Wiederent­deckung 1997 am Residenztheater München oder Luk Percevals aktuelle Inszenierung am Hamburger Thalia Theater.

Eine brillante Idee hat nun auch David Bösch am Bochumer Schauspielhaus. Er hat die im Grunde monologische Struktur des Textes erkannt und macht daraus, mehr oder ...

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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Bochum Schauspielhaus, Seite 55
von Martin Krumbholz

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