Neugier und Verzweiflung

Münchner Kammerspiel: René Pollesch «Eure ganz großen Themen sind weg», Meg Stuart «Built to Last»

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Die Schnellsprechhysterie hat etwas nachge­lassen und auch der Punch beim Austeilen theoretischer Tiefschläge wirkt ein wenig gebremst. Bei seinem jüngsten Zwischenstopp an den Münchner Kammerspielen zeigt René Pollesch, der seit fast 15 Jahren Schauspieler und Zuschauer mit seinen diskursgesättigten Denkströmen in Atem hält, keinerlei Ermüdungs–erscheinungen, aber doch so etwas wie ein retardie­rendes Moment.

«Eure ganz großen Themen sind weg!» heißt diesmal die Titelschlagzeile, dennoch geht es um Liebe und Tod beziehungsweise um die heikle Frage, wie sich Intensität und Länge des Lebens in einer auf Genussoptimierung eingeschworenen Gesellschaft unter einen Hut bringen lassen.

Dazu hat sich das Pollesch-Pack diesmal ganz buchstäblich im Hohlraum des eigenen Bewusstseins eingenistet und campiert in einem riesigen hölzernen Totenkopf, den Bert Neumann vor einem Fotorundhorizont mit Trailerpark in ausgesucht öder Vorstadttristesse aufgebaut hat und der mittels einer Kurbelvorrichtung dem Publikum die rotschillernde Zunge herausstrecken kann. In den Augenhöhlen funkeln verheißungsvoll aufgereihte Rummelplatzglühbirnchen, oder jemand lässt vorübergehend einfach mal den Vor­hang ...

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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen

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