Den mitteleuropäischen Horizont sprengen
I
«Die flüchtige Seele» («The Runaway Soul») von Harold Brodkey, 1991 erschienen – 1995 in deutscher Übersetzung von Angela Praesent – ist ein zeitlos subversiver Roman, zeitlos nicht im Sinne von klassisch, sondern im Sinne von jedes Zeitgefühl irritierend. Erzählt wird, mehr oder weniger linear, die Geschichte des Aufwachsens und Erwachsenwerdens von Wiley Silenowicz, dem Alter Ego des Autors, das schon in Brodkeys Erzählband «Stories in an Almost Classical Mode» auftauchte.
Die Stationen sind St. Louis, Harvard, New York, ca.
zwischen 1935 und 1980. Nur ist den meisten Leser:innen vermutlich nicht beschieden, diesen Weg lesend nachzuvollziehen. Der Text lässt eine(n) programmatisch rausfliegen, weil er zu tief schürft: Mit jedem Satz wird der Raum, den Wiley schildert, tiefer und die Zeit dickflüssig wie Sirup. Es entsteht der Eindruck, man könne sich wirklich ALLES in Ruhe ansehen, wie in einer in 8K aufgelösten Superslowmotion. In der Schwü -le dieser hochemotionalen, dichten, deskriptiven Prosa lässt Wiley dann lockerluftig, mit ein, zwei Sätzen Figuren entstehen, die stets so widersprüchlich sind wie er selbst: schlagfertig, hypersensibel, flatterhaft …
Weil der Text so ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2022
Rubrik: Lektüresommer, Seite 49
von Akin Emanuel Sipal
Da war wohl noch eine Rechnung offen. Regisseurin Karin Henkel nimmt sich schon zum zweiten Mal Bernhards «Auslöschung» vor, diesmal aber gründlich. Beim ersten Mal, Anfang 2019 im Hamburger Schauspielhaus, war der 600-Seiten-Roman von 1986 noch eingebettet in eine Textcollage mit den Stücken «Vor dem Ruhestand» und «Ritter Dene Voss». Jetzt, nur drei Jahre später...
Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango», lautet die Inschrift auf vielen christlichen Kirchenglocken: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.» – Diese Zeilen stellte Friedrich Schiller auch seinem Lyrik-Klassiker «Das Lied von der Glocke» (1799) voran. «Als Motto für ein Festival in Zeiten nach der Pandemie erschien uns Vivos voco...
Also doch. Nach zähem Ringen und mehrern Verhandlungsrunden haben sich die Tarifpartner – der Deutsche Bühnenverein und die Künstler:innengewerkschaften, vornehmlich die GDBA – auf eine neue Gagenregelung für die Solobeschäftigten und Bühnentechniker:innen geeinigt. Danach wird die Mindestgage in zwei Stufen von bisher 2.000 Euro ab 1. September auf zunächst 2.550...
