Death by GPS

Wie man ein Theaterfestival ins Digitale verlegt und die Folgen: Spy on Me #2 im Berliner HAU

Normalerweise ist das Trendsetting ja die Königsdisziplin im Kulturbetrieb. Nichts steht höher im Kurs als der sogenannte seismografische Abend, der gesellschaftstektonische Binnenkräfte schon längst ästhetisch durchreflektiert hat, bevor sie weithin sichtbar an die Oberfläche treten.

Auf die prophetischen Qualitäten des Festivals «Spy on Me #2» im Berliner Hebbel am Ufer hätte man jedoch gern verzichtet. Das ist der Chefin des Kreuzberger Theaterkombinats auf dem Begrüßungsvideo, das sich im hauseigenen YouTube-Kanal findet, deutlich an­zumerken.

Annemie Vanackere steht dort an einem Rednerpult auf der Bühne des HAU1, im Rücken den gähnend leeren Zuschauerraum, und führt in eine Veranstaltungsreihe zum Thema «digitale Gegenwart» ein. Das Video datiert vom 19. März, wenige Tage nach dem coronabedingten Shutdown: Digitaler dürfte die Gegenwart bis dato tatsächlich nie gewesen sein.

Die «künstlerischen Manöver» zur selbstbestimmt-anregenden Koexistenz mit «Screens, Apps und Algorithmen», die das Festival erproben will, wären unter normaldramatischen Umständen hauptsächlich vom analogen Theaterraum ausgegangen. Der (downzuloadenden) Festivalprogrammbroschüre zufolge ist das real ...

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Theater heute Juni 2020
Rubrik: Theater im Stream, Seite 30
von Christine Wahl