Das Wuchern der Referenzen
Europa löst sich auf – nicht nur heute. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schrieb Carl Sternheim seinen Roman über «Ressentiment, Hypokrisie und Hysterie des sich greisenhaft auflösenden Erdteils». Sein Titel ist der Name des moribunden Kontinents und zugleich der Hauptfigur: «Europa». An seinem Ende wird die sozialistisch-feministisch kämpfende Heldin bei einer Antikriegsdemonstration in Den Haag erschossen, und mit ihr stirbt das alteuropäische Denken. Der Erdteil hat dann irgendwie doch noch überlebt, und der Roman wurde vergessen.
Frank Castorf hat ihn wiedergefunden und zum Grundbaustein seines Sternheim-Projektes im Schauspiel Köln gemacht. Der Roman wird rekombiniert und durchmischt mit Bestandteilen aus Sternheims Komödienzyklus «Aus dem bürgerlichen Heldenleben». Nach einem «Europa»-Monolog gibt es ein Häppchen aus «Das Fossil», dann Extrakte aus «Die Hose», «Der Snob» und «1913», dazwischen werden immer wieder Passagen aus «Europa» eingebröselt, aber auch aus der Novelle «Ulrike», und eine Prise Sekundärliteratur von W.G. Sebald, zum Schluss ein kräftiger Schuss Baudelaire. Umrühren, fertig.
Aber das ist ja nur der Textteil der Tonspur. Wie immer überlagert Castorf ...
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Theater heute März 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Gerhard Preußer
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