Das wilde Tier in Euch
Wenn ich mit Kollegen aus der «Kunstblase» in verschiedenen Ländern darüber spreche, wie lange die Emanzipation der Ukrainer vom imperialen Einfluss Russlands dauert, treffe ich seltener auf Ablehnung oder Unverständnis als auf eine unaussprechliche Schwere und Trauer. Eine unsagbare geistige Trägheit.
Heißt das, dass man alles neu lernen muss, das Brillenglas austauschen? Dass man für eine gewisse Zeit wieder zum Anfänger wird, dies akzeptiert und offen zugibt, wenn man etwas nicht weiß? Ich erinnere mich noch gut an meine Angst, als ich vor zehn Jahren als externe Studentin sehr schnell lernen musste, in meinem Kopf Platz zu schaffen für Unmengen neuer Informationen, die es zu verarbeiten galt. Erinnere mich, wie es ist, mit einer Magister- und Doktorarbeit in Kunstgeschichte den giftigen Stachel der Russifizierung schmerzhaft zu spüren, sein gesamtes bisheriges Wissen wieder aus sich herauszuprügeln und praktisch intellektuell nackt zurückzubleiben. Mechanismen und Methoden zu kennen, aber ohne Fakten, ohne passendes Brillenglas.
Das Gefühl ist sehr unangenehm. Noch gestern warst du Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftlerin, Kuratorin, Dirigent, Autor, Historiker, einer der ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Streitstoffe, Seite 76
von Olena Apchel
Als ich den spielplan für nächste saison gesehen habe als die regisseurin bei der premiere noch immer nicht wusste wie die kostümassistentin hieß als die freundin einen überlastungsantrag bei ihrem haus stellte als der schau -spieler seinen urlaubsantrag vom regisseur gegenzeichnen lassen musste als die hospitantin wieder nicht bezahlt wurde das bühnenbild dafür...
Wien – heute – Zweitausenddreiundzwanzig. Arad Dabiris im Rahmen der Wiener Wortstätten entstandenes Stück kreist um einen konkreten Fall, der grundlegende Fragen aufwirft: Im Mittelpunkt steht ein junger Österreicher iranischer Abstammung, der – und das gehört zu den smarten Setzungen der Konzeption – auf der Bühne nicht selbst das Wort ergreifen kann. Denn er...
Sie ist schon da, als sich die Türen des Zuschauerraums öffnen. Sie streift, während das Publikum jetzt langsam hereinkommt, an der Rückwand des leeren Bühnenhauses entlang, sie streift hin und her, kaum zu erkennen im Halbdunkel, scheinbar ruhelos – und doch hochkonzentriert. An den hohen Wänden verlaufene schwarz-graue Tusche, irgendwo auf der Bühne ein Haufen...
