Das Verschweigen
Es ist Tobias’ Einschulung. Der Vormittag ist überstanden, jetzt sitzt er im Wohnzimmer des neugebauten Hauses, mit einer viel zu großen Schultüte. Um ihn rum die Familie, mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihm. Altbekannte Gespräche, Floskeln, Rituale. Irgendwann geht Tobias nach oben in sein Zimmer. «Es fiel gar nicht mehr auf, dass er nicht mehr auf dem Stuhl saß», heißt es dann im Text. Eine Episode aus Lukas Rietzschels Debüt-Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen», wie sie bezeichnend ist für die spezifische Atmosphäre, die der Text einfängt.
Später ist Tobias bei den Großeltern. Er sitzt an den Hausaufgaben, als die Großmutter zu ihm kommt und verlangt, alles noch einmal neu zu schreiben. Sie greift seine Hand, führt den Stift, am Ende fließen Tränen. Dann ist im Fernsehen zu sehen, wie in New York zwei Hochhäuser in Trümmer stürzen. Aber mit den Bildern bleiben Tobias und sein Bruder allein. Was da passiert, das erklärt ihnen niemand. Genauso wenig wie ihre Frage, was da in dem Haus in Hoyerswerda passiert war, das mit dem Balkon auf der verrußten Fassade, das man auch aus dem Fernsehen kannte und an dem die Familie vorbeifährt, aber immer «so ungewohnt schnell».
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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 152
von Torsten Buß
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