Das Schreiben kommt nach der Wut
I.
Dem Wunsch der Redaktion nach einem Wutanfall und ungezügelter Wut muss ich wie folgt begegnen: Selbst mir, dem durch sich abwechselnde und ergänzende Ungeduld und Verschlafenheit viel entgeht, konnte unmöglich entgehen, dass ich mich durch eigenes Zutun offensichtlich zum Wutlieferanten qualifiziert habe.
Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass es mir durchaus bewusst ist, dass der Wütende in unserer Kultur als der Idiot dasteht, der erst jetzt bemerkt, was alle anderen längst wissen und sich zudem über Kleinigkeiten erregt, über die der zivilisierte Mensch selbstverständlich hinwegsieht. Gleichfalls ist allerdings auch anzumerken, dass die Idiotenrolle für mich besser zu ertragen ist als die Rolle desjenigen, den es sich gut verarschen lässt. In diesem Zusammenhang hatte ich an anderer Stelle bereits Auskunft gegeben, dass das menscheneigene Verarschungsmaß, in das nach Belieben Verarschung hinein gefüllt werden kann, bei mir, ganz sicher aus einem soziologischen Defekt heraus, bis obenhin voll ist, ich mich gerne weiter verarschen ließe, es leider nur nicht mehr ertragen kann, verarscht zu werden, weshalb ich mich nun gezwungenermaßen entschieden habe, gegen jede Form von ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Oliver Kluck, Seite 30
von Oliver Kluck
Das Bühnenbild des Jahres ist bereits verschrottet, nach der letzten Vorstellung beim Theatertreffen im Berliner Mai reiste das Ensemble von «Tod eines Handlungsreisenden» mit leichtem Gepäck zurück nach Zürich. Sehr zum Ärger von Robert Hunger-Bühler, der in diesem verschwenderischen Traum der fünfziger Jahre, wie ihn Stéphane Laimé für den Regisseur Stefan Pucher...
Wenn Kritiker die mühsame Aufgabe präziser Schauspielerbeschreibung ein wenig abkürzen wollen, stellen sie gern in den hoffentlich irgendwie funktionierenden Echoraum des Textes neben das allgemein gehaltene charakterisierende Adjektiv («schüchtern, entschlossen, großkotzig») einfach das Naheliegendste: was der/die da vorne anhat. Das zeugt eigentlich von tiefem...
Ich bin gebeten worden, über etwas zu schreiben, das mich wütend macht, und angesichts der Welt, wie sie ist, befinde ich mich ohnehin fast ständig in einem Zustand von anschwellender Wut. Es sollte also nicht schwierig sein. Aber seltsamerweise werde ich nicht über etwas schreiben, das mich ärgert, sondern über etwas, das mich verwirrt. Schon dieser Umstand macht...
