Das Schreiben kommt nach der Wut
I.
Dem Wunsch der Redaktion nach einem Wutanfall und ungezügelter Wut muss ich wie folgt begegnen: Selbst mir, dem durch sich abwechselnde und ergänzende Ungeduld und Verschlafenheit viel entgeht, konnte unmöglich entgehen, dass ich mich durch eigenes Zutun offensichtlich zum Wutlieferanten qualifiziert habe.
Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass es mir durchaus bewusst ist, dass der Wütende in unserer Kultur als der Idiot dasteht, der erst jetzt bemerkt, was alle anderen längst wissen und sich zudem über Kleinigkeiten erregt, über die der zivilisierte Mensch selbstverständlich hinwegsieht. Gleichfalls ist allerdings auch anzumerken, dass die Idiotenrolle für mich besser zu ertragen ist als die Rolle desjenigen, den es sich gut verarschen lässt. In diesem Zusammenhang hatte ich an anderer Stelle bereits Auskunft gegeben, dass das menscheneigene Verarschungsmaß, in das nach Belieben Verarschung hinein gefüllt werden kann, bei mir, ganz sicher aus einem soziologischen Defekt heraus, bis obenhin voll ist, ich mich gerne weiter verarschen ließe, es leider nur nicht mehr ertragen kann, verarscht zu werden, weshalb ich mich nun gezwungenermaßen entschieden habe, gegen jede Form von ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Oliver Kluck, Seite 30
von Oliver Kluck
Das einzig Ungewöhnliche an dem ganz und gar gewöhnlichen Mehrfamilienhaus in der Bochumer Wilhelm-Stumpf-Straße ist, dass auf dem Klingelbrett drei Mal der Name Beckmann steht. Maja Beckmann wohnt hier, Ensemblemitglied des Bochumer Schauspielhauses gleich um die Ecke. Ebenso ihr jüngerer Bruder Till Beckmann, der Ruhrgebietsliteraturwettbewerbe veranstaltet, im...
Ich würde erstmal kühn behaupten, dass es mich als Wutbürger gar nicht gibt. Außer natürlich bei himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Urbösem (Bankenskandale, Korruption, Atomproblematik, Dritte Welt und ein paar weiteren, insgesamt mindestens sieben Todsünden). Eine dieser sieben Todsünden sind die seit längerem grassierenden Zerr- und Zerfallsformen von...
Das ist der Tod, der vor mir steht – lacht!» Mit diesem Motto beginnt Emine Sevgi Özdamars Umwidmung eines barocken Totentanzes zu einem Memento mori in sieben Szenen, zu einem grausigen und komischen Spiel über Krankheit, Verlassenwerden, Sterben im Exil und die Kraft, die der Mensch dagegen mobilisieren kann. Sie feiert keinen Kult der Vergänglichkeit, in dem...
