Das Risiko des Auftraggebers

Diesmal gilt es: Endlich konnte Christophe Slagmuylder die Wiener Festwochen so kuratieren, wie er wollte

Das Gratis-Freiluftkonzert auf dem Rathausplatz, mit dem die Wiener Festwochen alljährlich Mitte Mai eröffnet werden, ist an Betulichkeit normalerweise nicht zu übertreffen. Klassik trifft Wienerlied trifft Weltmusik, damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen. Diesmal aber sorgte die Eröffnung – erstmals in der mehr als 70 Jahre langen Festivalhistorie – für Erregung. Grund: Auf der Künstlerliste stand auch der Wiener Rapper Yung Hurn.

In dessen Œuvre hatten Kritiker:innen Textpassagen entdeckt, die nicht ganz dem entsprechen, was in der zwischengeschlechtlichen Kommunikation State of the art ist; zum Beispiel hat sich anscheinend noch nicht zu ihm herumgesprochen, dass «Bitch» kein adäquates Synonym für «Frau» ist. Der «Wiener Schmusechor» sagte seine Teilnahme an der Eröffnung ab, weil er die Bühne nicht mit einem «Sexisten» teilen wollte, und Intendant Christophe Slagmuylder hatte Erklärungsbedarf. Er verwies auf die Eigenheiten der «HipHop-Kultur» – tatsächlich müsste wohl die Mehrzahl der Rapper auf den Index, wenn man immer so streng wäre –, und machte insgesamt den Eindruck, selbst nicht so genau zu wissen, wer da auf seiner Eröffnungsfeier spielen sollte. 

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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Festivals, Seite 10
von Wolfgang Kralicek

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