Das Risiko des Auftraggebers
Das Gratis-Freiluftkonzert auf dem Rathausplatz, mit dem die Wiener Festwochen alljährlich Mitte Mai eröffnet werden, ist an Betulichkeit normalerweise nicht zu übertreffen. Klassik trifft Wienerlied trifft Weltmusik, damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen. Diesmal aber sorgte die Eröffnung – erstmals in der mehr als 70 Jahre langen Festivalhistorie – für Erregung. Grund: Auf der Künstlerliste stand auch der Wiener Rapper Yung Hurn.
In dessen Œuvre hatten Kritiker:innen Textpassagen entdeckt, die nicht ganz dem entsprechen, was in der zwischengeschlechtlichen Kommunikation State of the art ist; zum Beispiel hat sich anscheinend noch nicht zu ihm herumgesprochen, dass «Bitch» kein adäquates Synonym für «Frau» ist. Der «Wiener Schmusechor» sagte seine Teilnahme an der Eröffnung ab, weil er die Bühne nicht mit einem «Sexisten» teilen wollte, und Intendant Christophe Slagmuylder hatte Erklärungsbedarf. Er verwies auf die Eigenheiten der «HipHop-Kultur» – tatsächlich müsste wohl die Mehrzahl der Rapper auf den Index, wenn man immer so streng wäre –, und machte insgesamt den Eindruck, selbst nicht so genau zu wissen, wer da auf seiner Eröffnungsfeier spielen sollte.
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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Festivals, Seite 10
von Wolfgang Kralicek
Man könnte es sich leicht machen und sagen: Theaterfilme gibt es doch eigentlich nicht. Denn entweder ist etwas live gespielt vor Publikum (egal ob physisch kopräsent oder über digitale Kanäle vermittelt), dann ist es theatral.
Oder es ist von Kameras eingefangen, konserviert und beliebig oft ausspielbar, dann ist es, nun ja, ein Film.
«Theaterfilme sind noch kein...
Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango», lautet die Inschrift auf vielen christlichen Kirchenglocken: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.» – Diese Zeilen stellte Friedrich Schiller auch seinem Lyrik-Klassiker «Das Lied von der Glocke» (1799) voran. «Als Motto für ein Festival in Zeiten nach der Pandemie erschien uns Vivos voco...
Vögel zwitschern, Lichterketten glühen, Sekt und Häppchen werden gereicht. Im lauschigen Park am Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr hat sich das Publikum zur Freiluft-Eröffnung des Impulse-Theaterfestivals eingefunden. Und dann werden die Vogelstimmen lauter, kommen aus Lautsprechern auf der Wiese hinter der Rednerbühne, vermischen sich mit den echten aus dem...
