Das postfaktische Ich
Eine «Mischung aus Predigt, Darkroom, operativem Rollenspiel und Unterricht», so verspricht uns der Performer Sebastian Bark, werden wir an diesem Abend serviert bekommen. «50 Grades of Shame», eine Show des Performer-Kollektivs She She Pop in 14 Lektionen über den Sex oder genauer über das, was darunter jede und jeder so versteht, ist ein Sampling in jeder Hinsicht: Auf der Bühne stehen die Mitglieder der Truppe, verstärkt durch Künstler aus der Berliner Szene und einen Musiker.
Sie alle wollen an diesem Abend mit dem Material der Scham arbeiten, das sie im Lauf ihres Lebens angehäuft haben, und uns dabei in einer von Ferne an Brechts Lehrstücke erinnernden Bühnendramaturgie «14 Lektionen» zu Themen wie dem «Ursprung der Scham», den «männlichen Regungen», dem «Geheimnis der Heterosexualität», «Was ist erlaubt?», aber auch zum «Sterben» erteilen. Sie zitieren Wedekinds «Frühlings Erwachen», E.L. James’ «Fifty Shades of Grey» und später auch Foucault. Sie ziehen sich dabei aus. Sie werden gefilmt. Sie reden vom Sex. Sie reden von sich. Das ist manchmal rührend, selten peinlich, meistens aber vor allem eines: sehr komisch. Was erstaunlich ist, und vielleicht bedenklich.
Denn wer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2017
Rubrik: Essay, Seite 32
von Nikolaus Müller-Schöll
Becketts «Enspiel» ist ein solider Oldtimer der Gott-ist-tot-Dramatik: Kein Sinn nirgends unter der Weltzirkuskuppel, nur leerlaufende Rituale, die einen Tag füllen, der jederzeit der letzte sein kann. Zwei höchst allgemeine Menschheitssymbolträger aus Herr (Hamm) und Knecht (Clov) stützen sich in ihren komplementären Behinderungen von Nichtsehen- und...
Tschechoslowakei, Sommer 1968. «Why don’t we do it in the road?», röhrt Paul McCartney in schönster Rotzrockerlaune in den Birkenwaldprospekt im Konstanzer Theater. Berechtigte Frage. Warum tun sie’s nicht einfach vor allen Leuten, dieser Landarztvagabund, die Stadtschickse, die Dorflolita oder dieses Triebkomplexpaket, nach dem das Stück benannt ist? Nun, sie tun...
Gleißend wäre zu viel gesagt, aber ziemlich hell ist sie schon, die Bühne, die Lucas Devriendt für Julie van den Berghe aus schimmernden Plastikplanen gehängt hat. Von Devriendt heißt es im Programmheft, er stelle aus und lasse klassische Themen der Malerei im Heute spielen. Van den Berghe, geboren 1981, in der belgisch-niederländischen Theaterszene ein Begriff,...
