Das Paradies der Zensur
Obwohl wir vermutlich alle unsere grundgesetzlich garantierte Freiheit für faktisch halten (auch wenn wir wissen, dass es in jedem Land ein «mehr oder weniger» gibt, das in keiner Verfassung explizit erwähnt wird) – können wir im Moment wirklich die Meinungsfreiheit für eine Leistung des 21. Jahrhunderts halten? Keine fünfzig Jahre sind seit dem Ende von strukturellem Rassismus und dem Fall der Mauer vergangen; jeder ist zufrieden mit dem, was er hat und bezeichnet sein Land als aufgeklärt und entwickelt.
Heißt das: Es ist vollbracht, wir brauchen keine weitere Aufklärung? Aber was ist für einen Künstler besser – in einem Land zu arbeiten, das schon zu Ende entwickelt ist, oder in einem, wo es noch etwas zu entwickeln gibt?
Wir sollten nicht vergessen, dass die Verfasser von Grundgesetzen keine Künstler sind, sondern Politiker, die im besten Fall, trotz all der Künstler, die sie beraten, nur eine sehr verschwommene Vorstellung von kreativen Prozessen haben. Brauchen Sie einen Beweis? Schauen Sie sich das Antragsformular für ein künstlerisches Vorhaben an. Da werden Sie immer noch aufgefordert, Absicht und Zielvorgabe ihres künstlerischen «Projekts» zu beschreiben, als handle es ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 56
von Amir Reza Koohestani
Szene acht
Am nächsten Tag.
Derselbe Raum.
Bashir und Nick. An den Tischen. Nick erklärt. Bashir hört zu und reagiert. Computer
aufgeklappt vor ihm.
Nick Das Wichtigste am Geld ist, dass die Menschen es nicht gern verlieren, Bashir. Die Menschen, die Firmen, die Regierungen.
Also suchen sie immer nach einem sicheren Ort dafür. Siebzig Jahre lang war der sicherste...
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.» So steht es in goldenen Lettern über dem Eingangsportal der Wiener Secession. Passanten, die diesen Spruch lesen, spüren jedoch im Rücken schon das Hauptquartier eines Glücksspielbetreibers und Kulturgroßsponsors, das sich an der gegenüberliegenden Seite der Wienzeile befindet. Es gibt wohl kaum einen anderen...
