Das Leiden am Ich

Schiller «Don Karlos»

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In Hessen ist «Don Karlos» Zentral­abiturstoff. Deshalb muss man seinen Theaterabend, nicht nur in Kassel, mit zwangsversendeten Deutschkursen tei­len. Pubertär pikiert zischen die Schüler­abordnungen, wenn ein Mann einen Mann auf den Mund küsst oder ein Schauspieler gar die Hosen runter­lässt. Und nehmen die Schillersche Gedankenfreiheit ganz wörtlich – klares Pausenfazit: Wer nervt, hat schlech­te Karten.

Wie dumm, dass Aljoscha Langel seinen Karlos als zotteligen Loser mit Jammermiene angelegt hat. Den würde man am liebsten rauswählen.

Mehr Gnade findet Nico Links Marquis von Posa mit Robbie-Williams-Kurzhaarschnitt, der im coolen Trenchcoat ziemlich erwachsen aufläuft und versucht, die Strippen zu ziehen. Der heim­liche Star des Abends aber ist, zu­min­dest für die Abifraktion im Publikum, ein topfschnittiger junger Mann in stän­dig rutschenden babyblauen Puffhosen und barocken Absatzschuhen mit Schleife. Als Camp-Klischee überbringt Christian Löber Briefe, Schlüssel und Nachrichten. Offenbar hat ihn Regisseur Volker Schmalöer als einsame Parodieeinlage in seiner No-Nonsense-Inszenierung vorgesehen. Immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen fliegt, tänzelt oder stolpert ...

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Theater heute Juni 2007
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Kristin Becker

Vergriffen
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