Das Leiden am Ich
In Hessen ist «Don Karlos» Zentralabiturstoff. Deshalb muss man seinen Theaterabend, nicht nur in Kassel, mit zwangsversendeten Deutschkursen teilen. Pubertär pikiert zischen die Schülerabordnungen, wenn ein Mann einen Mann auf den Mund küsst oder ein Schauspieler gar die Hosen runterlässt. Und nehmen die Schillersche Gedankenfreiheit ganz wörtlich – klares Pausenfazit: Wer nervt, hat schlechte Karten.
Wie dumm, dass Aljoscha Langel seinen Karlos als zotteligen Loser mit Jammermiene angelegt hat. Den würde man am liebsten rauswählen.
Mehr Gnade findet Nico Links Marquis von Posa mit Robbie-Williams-Kurzhaarschnitt, der im coolen Trenchcoat ziemlich erwachsen aufläuft und versucht, die Strippen zu ziehen. Der heimliche Star des Abends aber ist, zumindest für die Abifraktion im Publikum, ein topfschnittiger junger Mann in ständig rutschenden babyblauen Puffhosen und barocken Absatzschuhen mit Schleife. Als Camp-Klischee überbringt Christian Löber Briefe, Schlüssel und Nachrichten. Offenbar hat ihn Regisseur Volker Schmalöer als einsame Parodieeinlage in seiner No-Nonsense-Inszenierung vorgesehen. Immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen fliegt, tänzelt oder stolpert ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Patricia Benecke«pool (no water)» kam gerade in Zürich zur deutschsprachigen Erstaufführung. Uraufgeführt wurde es aber von der britischen Theatertruppe Frantic Assembly. Wie kam es zu dem Stück?
Mark RavenhillEs war eine Auftragsarbeit für Frantic Assembly. Wir haben uns über die Jahre kennengelernt und fingen irgendwann an, über ein gemeinsames Projekt zu...
Es gibt in Zürich unter den Theatergängern die Masucci-Debatte. Die einen finden, dass Oliver Masucci immer aussieht wie nach einem Boxkampf oder Pornodreh, und dass diese Repräsentation von Männlichkeit beziehungsweise diese Art von Mannsein doch einfach ganz und gar uninteressant sei. Die andern finden es unendlich erfrischend, dass da nach Jahren, ja nach...
Nimmt man’s genau und nach Homer, steht vor der glücklichen Wiedervereinigung von Odysseus und Penelope ein großes Schlachten: Odysseus tötet die Freier, die sich während seiner 20-jährigen Kriegs- und Irrfahrten zuhause um seine Frau geschart hatten, und die illoyalen Knechte und Mägde gleich mit. Im Hamburger Malersaal, wo Klaus Schumacher in einem vierstündigen...
