Das Leiden am Ich
In Hessen ist «Don Karlos» Zentralabiturstoff. Deshalb muss man seinen Theaterabend, nicht nur in Kassel, mit zwangsversendeten Deutschkursen teilen. Pubertär pikiert zischen die Schülerabordnungen, wenn ein Mann einen Mann auf den Mund küsst oder ein Schauspieler gar die Hosen runterlässt. Und nehmen die Schillersche Gedankenfreiheit ganz wörtlich – klares Pausenfazit: Wer nervt, hat schlechte Karten.
Wie dumm, dass Aljoscha Langel seinen Karlos als zotteligen Loser mit Jammermiene angelegt hat. Den würde man am liebsten rauswählen.
Mehr Gnade findet Nico Links Marquis von Posa mit Robbie-Williams-Kurzhaarschnitt, der im coolen Trenchcoat ziemlich erwachsen aufläuft und versucht, die Strippen zu ziehen. Der heimliche Star des Abends aber ist, zumindest für die Abifraktion im Publikum, ein topfschnittiger junger Mann in ständig rutschenden babyblauen Puffhosen und barocken Absatzschuhen mit Schleife. Als Camp-Klischee überbringt Christian Löber Briefe, Schlüssel und Nachrichten. Offenbar hat ihn Regisseur Volker Schmalöer als einsame Parodieeinlage in seiner No-Nonsense-Inszenierung vorgesehen. Immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen fliegt, tänzelt oder stolpert ...
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