Das Leerzeichen in uns
Auf der Bühne stehen drei Plastikkinderstühle, die hölzernen Zuschauerbänke ringsum sind so hoch, dass auch ausgewachsene Menschen mit den Beinen baumeln müssen. Kinderperspektive. Ralph Tharayil beschreibt in seinem Romandebüt «Nimm die Alpen weg» eine Kindheit in der Schweizer Provinz mit südindischen Eltern. Derzeit ist Tharayil Hausautor bei den Bühnen Bern. «Das Land, in dem wir leben, kennt den Krieg nur von Weitem. Das Land, in dessen Sprache Ma und Pa beten, kennt den Krieg von allen Seiten», schreibt er in seinem bemerkenswerten Roman.
Und später: «Woher kommt ihr, fragen unsere Freunde in der Schule. Sie wissen nicht, dass das Staunen keinen Ort besitzt.»
Ein Aufwachsen zwischen Anpassung in alle Richtungen und sich Abheben von den Träumen der Eltern – die mit dem Bambus strafen, wenn die Kinder nicht die besten Schulnoten nach Hause bringen, und europäisches Besteck auflegen, wenn Schulfreunde zum Mittagessen mitkommen. Tharayil beschreibt das liebevoll zugewandt, in einer sanften Sprache, die Poesie aus einem wachen kindlichen Blick zieht. Eine Sprache, die die Brüche benennt und die Zwischenräume luftig lässt. Manchmal gehen die Kinder in die Telefonkabine auf der ...
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Theater heute Dezember 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Andreas Klaeui
216 Millionen Menschen werden durch den Klimawandel laut einer Weltbank-Statistik von 2021 zur Flucht gezwungen werden. Kaum ernsthaft vorstellbar ist es, sie durch Grenzkontrollen, Zäune, Mauern oder Frontex-Boote aufhalten zu können – so die Grundannahme von Volker Löschs und Lothar Kittsteins neuester Bonner Arbeit «216 Millionen», die vor dem politischen Getöse...
Vertrauen und Ausdauer braucht es, um in dieses Buch hineinzufinden. Denn es beginnt, gelinde gesagt, im Chaos. Da sind ein «ich» und ein «du», Erinnerungen an random rangezoomte Orte wie Johanngeorgenstadt im Erzgebirge oder Gjirokastër (Städtchen in Süd-Albanien, nicht der letzte Name, den ich gegoogelt habe), die wiederum Kindheiten im Ruhrgebiet wachrufen....
In einer rabenschwarzen Nacht hämmert eine hochschwangere Frau an die Türen einer Klinik, die direkt aus der mörderischen US-Thriller-Serie «Ratched» stammen könnte: Wer hier landet, der ist in schlechten Händen. Man sucht Hilfe und findet bloß Sadismus. Sibylle Bergs Roman «Toto oder Vielen Dank für das Leben» (2012) berichtet maximal zynisch von der...
