Das kurze Gefühl der Freiheit
Die Nachricht vom Tod ihres Mannes trifft Louise Mallard unvermittelt. Trauernd zieht sie sich in ihr Schlafzimmer zurück, allein. Doch nachdem der erste Schmerz abklingt, das überwältigende Gefühl von Verlust und Orientierungslosigkeit, stellt sie fest, dass sich etwas anderes, bislang Unbekanntes Bahn bricht: das Gefühl von Freiheit. «Die Geschichte einer Stunde», 1894 von Kate Chopin veröffentlicht, umfasst genau die Zeitspanne, in der die Möglichkeit eines selbstbestimmten weiblichen Lebens auftaucht – und wieder verschwindet.
Neben der titelgebenden nimmt Regisseurin Marie Schleef noch eine zweite, ungefähr gleichzeitig erschienene Kurzgeschichte zum Ausgangspunkt der stummen Performance im Ballhaus Ost. «Die gelbe Tapete», 2013 bereits von Katie Mitchell an der Berliner Schaubühne inszeniert, ist ein weiteres Werk des frühen US-amerikanischen Feminismus. Charlotte Perkins Gilman entwirft darin die kurze Chronik einer (wahrscheinlich postnatalen, autobiografischen) Depression, die sukzessive in Wahnsinn abgleitet. Das Muster der gelben Tapete im Krankenzimmer der Patientin wird dabei zum Abbild ihres Selbstverlusts.
Für Anne Tismers Spiel hat Jule Saworski zwei nebeneinander ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2022
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Anja Quickert
Hunde – waren das auf George Orwells «Animal Farm» nicht die bissigen Handlanger, mit denen die Schweine ihre neue Diktatur festigen? In Sapir Hellers Neufassung am Münchner Volkstheater trottet dagegen zu Beginn eine behäbige Hündin ostentativ harmlos nach vorn an die Rampe und erzählt lefzensynchron mit der Stimme von Philipp Lind aus dem Off, wie das damals war,...
Jürgen Otten Herr Samoilov, wie geht es Ihnen?
Iurii Samoilov Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich...
Liebe Freunde, liebe Kollegen,
es herrscht Krieg in meinem Land und ich will einige Worte dazu sagen. Es sind seelische Beobachtungen einer russischsprachigen Deutsch-Ukrainerin, die in diesen Tagen nicht nur das Scheitern der Diplomatie erlebt, sondern womöglich auch der Kunst.
In der letzen Woche haben mich viele, viele Menschen gefragt, wie es mir und meinen...
