Das Ende des Dialogs

Der iranische Theatermacher Amir Reza Koohestani über Trumps Aufkündigung des Atomdeals in der Ära der Fake News

Als Theatermacher und insbesondere als einer, der fürs Theater Dialoge schreibt, glaube ich, dass Amerikas Rückzug aus dem Atomabkommen mit dem Iran im Kern die Ausrufung eines neuen Zeitalters bedeutet. Die Art der Dialoge, mit der wir heute zu tun haben, zeigt vor allem eins: dass die Zeit der Dialoge vorbei ist. Die Zeiten, da wir noch miteinander sprachen, haben wir hinter uns gelassen. Wir begeben uns jetzt in eine neue Ära, die des Narrativs.

Die Ära des Narrativs, in der wir jetzt leben, wird gestaltet von Leuten, die sich ausschließlich für ihre eigenen Erzählungen begeistern, ohne die Notwendigkeit oder den Wunsch, die andere Seite der Geschichte zur Kenntnis zu nehmen. Man möchte nicht länger von den Stimmen der anderen abgelenkt werden, wenn man seine Geschichte erzählt; keine Gegenerzählung soll die eigene Version stören. Der Wettbewerb geht darum, welche Meinung das größere (Steuern zahlende) Publikum einfängt, wer unüberhörbar wird.

Wir haben es heute mit Leuten wie Donald Trump, Benjamin Ne­tanjahu, Wladimir Putin und vermutlich der Regierung Saudi-Arabiens zu tun, die alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihrem Publikum zu beweisen, dass ihr Narrativ das einzig Wahre ist, ohne die Möglichkeit abweichender Meinungen auch nur in Betracht zu ziehen. Aber kommt dabei die Wahrheit heraus? 

Die Suche nach Wahrheit

Wir haben von Kurosawas Film «Ra­shomon» gelernt, dass jede Wahrheit mehrere Seiten hat. Ich behaupte nicht, es gäbe keine Wahrheit, ich versuche nur zu erklären, dass wir in vergangenen Zeiten zumindest unsere Narrative in einen Dialog miteinander bringen konnten, der dazu führte, dass wir einander verstanden.

Ein Beispiel dafür ist ein Vorgang, der vor ein paar Wochen geschah. Die israelischen Medien veröffentlichten plötzlich das Satellitenbild eines versteckten iranischen Flughafens in Syrien. Allerdings entdeckten Journalisten ein paar Tage später, dass es sich dabei um einen Inlandsflughafen im Zentrum Teherans handelte, genau der, von dem ich seit Jahren abfliege. Es war eine Lüge, oder, wie Trump sagen würde, Fake News. Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Wenn es ein Foto mit einer bestimmten Überschrift gibt, macht sich kein Mensch die Mühe, die Geschichte zu lesen oder die Behauptung zu überprüfen. Wir folgen den Bildern und ihren Titelzeilen, wir warten darauf, dass jemand die existierenden Probleme für uns in einem 1-Minuten-Video auf Instagram zusammenfasst, wir haben keine Zeit zu lesen und wollen nicht belästigt werden durch die Komplexität der Probleme. Und das betrifft uns alle.

Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran entspricht dem Befund, dass wir nicht mehr in der Ära von Gespräch und Verhandlungen leben und dass kein Dialog mehr stattfindet. Im Gegenteil, man zieht vor, eine Geschichte zu erfinden und das als die neue Form der Kommunikation zu behaupten. Netanyahus Enthüllungsshow zum angeblichen Atomprogramm Irans Anfang Mai war der Gipfel der Absur­dität. Es war ein schlichtes Narrativ, das belegte: Eine Geschichte wird erzählt, dann wird sie «die Geschichte», und aufgrund dieser Geschichte zog Trump sich aus dem Iran-Abkommen zurück.

Das Ende der Ära des Dialogs ist das Ende einer Zeit, in der die Menschen versuchten, sich an langen Tischen zusammenzusetzen. Das war der Geburtsort des Theaters. Jetzt sind wir in der Ära des Monologs angekommen, weil die Regierungen nicht willens sind, miteinander zu reden und es stattdessen vorziehen, über die Medien voneinander zu hören. 

 

 


Theater heute Juni 2018
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Barbara Burckhardt