Noah Haidle; Foto: Max Zerrahn

Das Eigengesetz der Vorstellungskraft

Fünf unverbundene Gedanken, Personen und Ereignisse aus meinem Leben, die, zusammengedacht, «Für immer schön» sehr nahekommen (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei)

Theater heute - Logo

I. American Way

Am Rand meiner Heimatstadt Grand Rapids in Michigan (wo dieses Stück spielt, wie die meisten meiner Stücke) liegt die Firmenzentrale des multinationalen Direktvertriebkonzerns «Amway», eine Abkürzung für Ameri­can Way. Ein Sektenexperte beschreibt den Konzern so: «Amway verkauft ein Marketing- und Motivationssystem, Lebenssinn und Lebensstil mit der Inbrunst von Kundgebungen und politisch-religiösen Wiedererweckungsbewegungen.

»

Vor vielen Jahren, nach ein paar schweren Schicksalsschlägen, heuer­te meine Tante Fay bei Amway als «Beraterin» an, um ihren Lebensunter­halt zu sichern, und verkaufte Kosmetika und Lebensstil in unserer Nachbarschaft.

«Für immer schön» ist ihr gewidmet.

Eine Tür-zu-Tür-Verkäuferin von Schönheitsartikeln ist ein leichtes Ziel, ein amerikanischer Archetyp der Lächerlichkeit. Aber wenn es meine Absicht gewesen wäre, meine Tante lächerlich zu machen, hätte ich ihr das Stück weder gewidmet, noch würde ich hier explizit über ihr Leben sprechen. Obwohl ich dieser Bemerkung voranstellen sollte, dass ich die meiste Zeit meines Lebens Fay durchaus für eine Witzfigur gehalten habe. Ein Bild des Jammers! Ein Leben als Farce! In ihrer Welt war der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Essay, Seite 52
von Noah Haidle

Weitere Beiträge
Die spinnen, die Belgier

Am 27. und 28. Juni 2015 schrieb Jan Fabre Theatergeschichte. Damals brachte der belgische Allroundkünstler beim Berliner Festival Foreign Affairs die 24-stündige Performance «Mount Olympus» zur Uraufführung (TH 6 und 8-9/15), in der er fast alle griechischen Tragödien auf einmal inszenierte, um so die in die Jahre gekommene Katharsis neu zu beleben. Die...

Entscheiden ist Macht

Wie ein Monsterfinger in ein Puppenhaus bohrt sich ein Abrisshammer in das Glasfoyer des Stadttheaters Mönchengladbach, Staubhöllen fallen von oben. 2012 wurde das 1959 gebaute Theater abgerissen, im sechsten und neuesten Teil ihrer 2010 begonnenen Dokumentarfilmreihe «state-theatre» fangen Daniel Kötter und Constanze Fischbeck kommentarlos die brutale, aber auch...

München: Glück, Macht, Spiele

Das Streben nach Glück an sich ist naturgemäß nichts Verwerfliches, kann aber leicht zu Verwerfungen führen, wenn dabei die Interessen kollidieren. Molières berüchtigter Heuchler «Tartuffe» ist so gesehen nicht nur der abgefeimte Schurke, der sich im frömmlerischen Schafspelz in die Familie seines Gönners Orgon einschmeichelt, um dessen Weib und Wohlstand zu...