Das doppelte Undenkbare

In Zürich durchlebt Medea* den Entschluss zur Tat, und Christoph Marthaler besucht in «Das Weinen (Das Wähnen)» eine Apotheke

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Die Kunst ist auch keine Medizin. Maja Beckmanns Medea glaubt es kurz. Sie setzt sich zu Johannes Rieder aufs Klavier, mit der Blockflöte in der Hand. Gemeinsam pfeifen sie sich eins auf die Welt, fantasieren sich in einen Zwiegesang von Liebe und Solidarität und Loyalität. Das pure Gegenteil von Jason also.

Dieser hat Medea bekanntlich in der Fremde sitzenlassen, um sich ein neues, gutbürgerliches Leben aufzubauen. Ihre soziale Existenz ist ausgelöscht.

Medea ist an einem toten Punkt, allein und ohne jeden Halt, von Anfang an: Das streicht Leonie Böhm in ihrer Inszenierung – im Grunde genommen ist es ein Monolog – her­aus. Die sozialen Bande sind gerissen, es gibt keinen festen Boden unter den Füßen (nur flottierende weiße Tücher im Bild von Zahava Rodrigo), der alternativlose, destruktive und autodestruktive Gang ihres Handelns hat seine Eigendynamik entwickelt.

Insofern ist für Böhms Inszenierung auch gar nicht erheblich oder interessant, auf die ungeheure Tat am Schluss – den Mord an Glauke, den Kindsmord – noch einzugehen. Sie legt ihr Augenmerk vielmehr auf die Entwicklung, die diesem Gewaltausbruch vorausgeht. Auf die Selbstermächtigung, die ihm innewohnt. Die neuen ...

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Theater heute November 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Andreas Klaeui

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