Darmstadt: Kinder an der Macht

Heinrich von Kleist «Michael Kohlhaas»

Theater heute - Logo

Die Radikalisierung des Pferdehändlers Hans Kohlhase und seine Hinrichtung in Berlin am 22. März 1540 fielen in eine Zeit, in der das mittelalterliche Fehderecht noch virulent war. Privatrechtliche Ansprüche, so die Annahme, könne man mit Gewalt erzwingen. Auch knapp dreihundert Jahre später, als Heinrich von Kleist «Michael Kohlhaas» schrieb, waren die Zeiten in Folge der napoleonischen Kriege unsicher und eine willkürlich anmutende Rechtssprechung an der Tagesordnung.

Man sollte davon ausgehen, dass Kleist in seiner Novelle ernsthaft die Frage stellte, ob ein staatliches Gewaltmonopol auch dann Geltung haben kann, wenn der Staat als Rechtspfleger versagt und offensichtliche Rechts­brüche nicht verfolgt. 

Kohlhaas versucht, nachdem er auf dem Weg nach Dresden vom Junker von Tronka genötigt wurde, zwei seiner Pferde als Pfand zurückzulassen, zuerst ganz legal, sein Recht zu erstreiten. Er akzeptiert die fadenscheinige Begründung für die Konfiszierung, der Junker habe gerade einen «Paßschein» eingeführt. Die Entwicklung vom liebenden Familienvater hin zum brandschatzenden Rächer setzt erst ein, wenn er auf dem Rückweg seine Pferde wieder mitnehmen will, die aber, da in der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Der Aufstand des Fleisches

Am Ende liegt ein Mann in der Badewanne. Macbeth, der Machtmensch, der Karrierist, der über Leichen geht, ist tot. Der Kopf ist zur Seite gefallen, wobei er sich auf ein Handtuch stützt, das ihm kurz vorher sein einstiger Rivale Macduff vorsichtig um das Handgelenk gewickelt hatte. Geradezu fürsorglich und besorgt begleitet dieser ihn zur Wanne, in der sich Macbeth...

Freie Szene Berlin: Wo die Miete alles auffrisst

Im Februar vergab die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser erstmalig den «Weak Art Award» – einen «Preis für herausragende Leistungen zur Schwächung der Kunst in Berlin». Leicht dürfte der vierköpfigen Fach-Jury ihre Entscheidung angesichts der aktuellen Immobilienmarktlage und der zahlreichen Nominierungen nicht gefallen sein. Doch schließlich einigte man sich...

Dresden: Lokal anschlussfähige Problemhäufung

Die forsche junge PR-Managerin Lia (Gina Calinoiu) hat einen harten Job. Sie will dem Komponisten und Dirigenten Martin Mulde (Moritz Dürr) die nötige Öffentlichkeitsfitness antrainieren, damit der als Galionsfigur und künftiger Chef eines neu zu errichtenden Konzerthauses reüssieren kann. Statt allerdings aufrichtig zu verzweifeln am betagten Künstlergenie, dessen...