Bochum: Ihr wollt Authentizität?
Voyeurismus ist doch ganz was Feines. Schön im Dunkeln sitzen und Fehler suchen, während die Spieler*innen in Bochum auf die Bühne klettern und sich in langer Reihe vor dem roten Vorhang aufstellen. Man registriert jede ungelenke Bewegung, jeden unsicheren Blick, scannt jeden Körper, der vom durchtrainierten Ensemble-Standardmaß abweicht. Und schon sind wir mitten in der Methode Monster Truck: Das Kollektiv erklärt gesellschaftliche Schieflagen nicht, es stellt sie aus – und das unangenehm konsequent.
Zu «Marat/Sade» nach dem Anstalts-Klassiker von Peter Weiss treten sie mit einer Gruppe von Laien an, die meisten von ihnen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung.
Die Koproduktion mit dem NTGent ist ein scharfes, gelungenes Spiel um Definitionsmacht, Repräsentation, Freiwilligkeit und Zwang. Wenn der Vorhang sich öffnet und die Handlung, die titelgebende «Inszenierung der Ermordung Jean Paul Marats durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade» beginnt, wird jede*r Einzelne via Übertitel vorgestellt: der Wohnort, die meist bitter öde Arbeitsstelle und die jeweilige Erkrankung, Einschränkung oder Psychiatrieerfahrung – ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Cornelia Fiedler
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