Bochum: Ihr wollt Authentizität?
Voyeurismus ist doch ganz was Feines. Schön im Dunkeln sitzen und Fehler suchen, während die Spieler*innen in Bochum auf die Bühne klettern und sich in langer Reihe vor dem roten Vorhang aufstellen. Man registriert jede ungelenke Bewegung, jeden unsicheren Blick, scannt jeden Körper, der vom durchtrainierten Ensemble-Standardmaß abweicht. Und schon sind wir mitten in der Methode Monster Truck: Das Kollektiv erklärt gesellschaftliche Schieflagen nicht, es stellt sie aus – und das unangenehm konsequent.
Zu «Marat/Sade» nach dem Anstalts-Klassiker von Peter Weiss treten sie mit einer Gruppe von Laien an, die meisten von ihnen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung.
Die Koproduktion mit dem NTGent ist ein scharfes, gelungenes Spiel um Definitionsmacht, Repräsentation, Freiwilligkeit und Zwang. Wenn der Vorhang sich öffnet und die Handlung, die titelgebende «Inszenierung der Ermordung Jean Paul Marats durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade» beginnt, wird jede*r Einzelne via Übertitel vorgestellt: der Wohnort, die meist bitter öde Arbeitsstelle und die jeweilige Erkrankung, Einschränkung oder Psychiatrieerfahrung – ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Cornelia Fiedler
«Ich habe dieses Buch schneller als irgendein anderes geschrieben: & es ist ein einziger Witz; & doch heiter & schnell lesbar, glaube ich; Ferien eines Schriftstellers», schrieb Virginia Woolf im März 1928 in ihr Tagebuch, kurz nachdem sie «Orlando» beendet hatte. Ein einziger Witz – diese Formulierung könnte auch Katie Mitchell in ihrer Inszenierung an der...
Während ich diesen Text schreibe, bin ich angespannt. Heute, am 1. September, einem Sonntag, hat sich neuer Protest formiert. Die Demonstration findet am Hong Kong International Airport statt und hat seine Schließung zum Ziel, einfach dadurch, dass eine große Menge Menschen dort steht. Die Demonstranten sind unbewaffnet, nur einige von ihnen sind mit Helmen oder...
Darkroom 1: Dunkelheit
Ich bin noch nie in einem Darkroom gewesen, dachte ich jedenfalls, bis ich einer Diskussion in einem Berliner Theater zuhörte. Einer der Teilnehmenden auf dem Podium schilderte seine Erfahrungen in queeren Sexräumen, und je mehr er erzählte, desto klarer wurde mir, dass ich die längste Zeit meines Erwachsenenlebens genau dort verbracht...
