Clemens J. Setz: Die Erfindung

© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2025

Theater heute - Logo

1

Ein Schlafzimmer, C und S im Bett. Sie versuchen zu schlafen, aber werden durch großen Lärm aus der Wohnung über ihnen gestört. Aufgebrachte Stimmen, ein heftiger Streit, Gepolter, geworfene Gegenstände. Dazwischen immer wieder jammernde Kinderstimmen.

C Ah, jetzt kommen auch die Kinder dazu. Jetzt können wir’s vergessen.
S Ja.
C Letztes Mal habe ich den älteren Sohn von denen im Treppenhaus gesehen. Hat schon genau denselben wildfremden Blick wie sein Vater.


S Fürchterlich.
C Warum sterben die nie? Sie strengen sich jede Nacht so an, fallen übereinander her. Aber jedes Mal leben sie am nächsten Morgen wieder.
S Puuh, ich hab so Kopfweh. Ich mag schlafen.
C Es ist wie ein Computerspiel. Die bringen ein -ander jede Nacht um und entstehen dann neu.

S steht aus dem Bett auf und geht zum Türrahmen. Sie presst ihr Ohr dagegen.

C Was machst du?
S Psst. Manchmal kann man so den Schall aus den anderen Wohnungen besser hören. Ich will wissen, worum es geht.
C Worum wird es schon gehen.
S Wenn wir schon nie schlafen dürfen, will ich wenigstens den Grund – 

Ein schwerer Gegenstand fällt um.

C So viel Hass und Energie. Die kauen bestimmt sogar im Schlaf aufeinander.
S Psst.
Sie lauscht. 
C ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2025
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Clemens J. Setz

Weitere Beiträge
Endlich daheim

Als Elfriede Jelineks drittes Theaterstück «Burgtheater» im November 1985 auf der Werkstattbühne des Schauspiels Bonn uraufgeführt wurde (Regie Horst Zankl), fasste Brigitte Landes ihre Eindrücke in «Theater heute» folgendermaßen zusammen: «Alles schreit nach dem Burgtheater, und das ist nun einmal nicht in Bonn.» Trotzdem fand das Stück in Österreich damals mehr...

Kneift mich mal

15. Mai 2025. Kneift mich mal! Es ist doch nicht zu glauben. – Auch jetzt noch nicht, am Tag danach, auf der Rückfahrt von Mülheim an der Ruhr, im Regionalzug irgendwo hinter Cottbus. Mitten im Wald hält er, dort, wo die Strecke auf wenigen hundert Metern zweigleisig verläuft. Wir warten am roten Signal. Mein Blick fällt in die von der Abendsonne beschienenen...

Ich schäme mich nicht!

Eigentlich verwendet Regisseurin Leonie Böhm literarische Texte ja wie archäologische Ausgrabungsstätten: Bis auf ein paar Knochenfunde bleibt davon auf der Bühne wenig über. Es geht schließlich um den eigenen, gegenwärtigen Kommentar, das Stück ist da nur ein Sprungbrett. Bei «Fräulein Else» am Wiener Volkstheater funktionieren beide Stränge erstaunlich gut. Das...