Chaos und Kanon
Marcel Proust hat einmal staunend über ein Hotel geschrieben, es sei eingerichtet gewesen «wie ein Theater», und «zahlreiche Komparserie» hätte es belebt. Im Erlanger Theater liegt der Fall genau anders herum: Da sieht man auf der Bühne einen Logierbetrieb, die Gäste im Parkett wirken wie voyeuristische Statisten, vor denen ein paar wild zusammengewürfelte Menschen im Hotel mit ihren ziemlich unbedeutenden Geschichten Leben und Verwechslungen in die Bude bringen wollen.
«Onyx Hotel» heißt die propere Absteige, die dem Auftragswerk, das als «Musiktheater» firmiert, den Titel gibt: Alexander Kukelka hat die Noten, David Gieselmann den Text dazu geschrieben – herausgekommen ist ein flotter Kurzaufenthalt zwi-schen Betten, Bad und Rezeption, zwischen Anspruch und Absprung, zwischen Einchecken und Ausflippen. Eine simpel gestrickte Soap-Opera mit mitunter lästigem Gesang, der der eingängigen Komposition ziemlich vergeblich aus den Niederungen inhaltlicher Belanglosigkeit zu verhelfen versucht.
Der Onyx-Stein symbolisiert gemeinhin schreckliches Unheil; war-um der Name des Minerals hier auftaucht, bleibt unergründlich. Denn die Problemchen, mit denen sich sechs Menschen simultan in den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Hübsch ist es und mit seiner pseudobarocken Fassade eine jener Schatullen, in der man Andenken aufbewahrt, um gelegentlich mit der Vergangenheit zu spielen. Dass es in diesem Gebäude um Theater gehen soll, glaubt man im ersten Moment nicht, und letzten Herbst war kurzzeitig auch tatsächlich Ruhe im Karton. Die damals amtierende Oberbürgermeisterin musste das...
Irgendwo hat man den Mann schon einmal gesehen. Wahrscheinlich in einem dieser New-York-Filme, in dem der Chefredakteur in einer Kabine am Ende des Großraumbüros residiert. Dort sitzt er am Schreibtisch, das Hemd frisch gebügelt, den Knopf am Hals offen, darüber Hosenträger wie Larry King, und blickt seinem gegenüber hart-aber-herzlich in die Augen. Ehrliche...
Die Schlacht beginnt mit offenem Visier: Walter Schmidinger tritt hinter einen Notenständer und liest Schillers klappernden Prolog. Jedwedes Rhythmusproblem wird mit Nichtachtung gestraft, der Text demonstrativ melodisch gesungen. Der alte Mime legt schmelzendes Timbre unter jeden Vers, schwingt ausholend die schon zitternde Hand und geht nach zehn süßlichen...
