Von Panik in Hass
Es ist ein altbekanntes Phänomen und bleibt doch komplett grotesk: Das Opernpublikum bejubelt frenetisch jede einzelne Diva, jeden Tenor und Bariton, spendet Bravos für Dirigent und Orchester und schaltet abrupt in dem Moment um, an dem der böse Regisseur die Premierenbühne betritt. Aus dem offensichtlich eben noch kollektiven Hochgefühl wird Empörung, Hass, ein gefährlich selbstsicherer bürgerlicher Mob brüllt sich langsam in Rage. Dann wieder die Sänger und Sängerinnen.
Aus den Brüllaffen werden – schwupp – wieder Schöngeister: Dankbarkeit für genossene Erbauungserfahrungen, Überschwang und Fülle, Bewunderung von Grazie und Grandezza – und dann wird wieder der Schalter umgelegt, Frank Castorf betritt die Bühne erneut, und eine gruselige Pegida-Horde geifert sich die Seele aus dem Leib. In Bayreuth ist die fast schon avanciert konzeptualistische Fähigkeit dieses Publikums, seine Rezeptionserfahrungen in zwei sauber und dicht getrennten Affektkammern zu verarbeiten, zur Standardreaktion geworden. In Berlin am Abend der Premiere von «La forza del destino» von Giuseppe Verdi in der Regie von Frank Castorf war es dann doch noch einige Nummern grotesker – und fühlte sich bedrohlich ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Zwischenruf, Seite 48
von Diedrich Diederichsen
Jakub Shapiro ist ein Mann mit vielen Talenten: Er hat Charme, Geld, Frauen, einen gelben Opel Olympia und einen Vorschlaghammer nebst Knochensäge im Kofferraum, mit denen säumige Schuldner totgepügelt, gevierteilt und dann in den Warschauer Lehmgruben versenkt werden. Die rechte Hand und der Knochenbrecher des Warschauer Bordellkönigs und Schutzgelderpressers Jan...
Wie bremst man ein Stück aus, das noch nicht einmal ein bisschen Fahrt aufgenommen hat? Indem man es gar nicht richtig anfangen lässt. Pinar Karabulut jedenfalls entscheidet sich bei der Uraufführung von Mehdi Moradpours «Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig» dafür, mit zehn Minuten rituellem Nichtstun zu beginnen. Vier Gestalten in goldglänzenden...
Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern...
