Bern: Glanz und Relevanz
Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern uraufgeführt worden ist.
Der junge Mann steht eingangs am Rand, ganz links, ganz Fleisch gewordenes Fragezeichen, er füllt die Leere mit einem Monolog, 670 Worte lang, wie er uns am Ende mitteilt.
Er hat wohl mitgezählt. Warum, verrät er nicht, womöglich plagt ihn stille Sehnsucht nach ein wenig Exaktheit, nach ein wenig Empirie. Was er sagt, ist ja das Gegenteil. Pure Einbildung. Ein feuchter Teenagertraum, auf den Vater projiziert. Dieser Vater schwebt, im Zusammenfall der Zeitschichten Antike und Gegenwart, wie sie Elmar Goerden behauptet, heldisch wie Odysseus und unerreichbar wie ein Topmanager über den Dingen.
In der grotesken Vision des Sohns betteln folglich selbst Film- und Sportstars um die Gunst des Idols der Idole: Romy Schneider wimmert um ein letztes Rendezvous, Gabriela Sabatini lässt sich vom Vater «die ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Stephan Reuter
In «Live Long and Prosper», einem ihrer selbst kreierten, produzierten und gedrehten Filme, heißt die Anweisung an einen der sieben Mitspieler: «closer to». Näher zu was? Zu sich selbst, zu der im Spiel leichthin erreichbaren Wirklichkeitserfassung, zum Ernst des Lebens, zum Abstand zwischen Kunst und Realität? Die Gruppe Gob Squad streift scheinbar planlos durch...
Nur was objektiv wahr ist, ist gut und wird in «Das große Heft» eingetragen. Gefühle gehören nicht dazu. Diese trainieren sich die namenlosen Zwillinge, die während des Zweiten Weltkriegs zur Großmutter in ein kleines ungarisches Dorf ausquartiert wurden, systematisch mit speziellen Übungen ab. Drei Tage nichts zu essen gehört noch zu den leichteren. Bis aufs...
Stephan Speicher Der Riss durch Deutschland soll erhalten werden, haben Sie gesagt. Müsste man die Mauer wieder bauen?
Heiner Müller Man soll nicht so tun, als ob da kein Riss ist. Diesen Riss muss man sich erst einmal bewusstmachen und analysieren, was mit der Vereinigung nicht funktioniert. Es war lange eine Tendenz, im Bierrausch alles für geklärt zu halten....
