Bremen: In Stahlgewittern
Wie bremst man ein Stück aus, das noch nicht einmal ein bisschen Fahrt aufgenommen hat? Indem man es gar nicht richtig anfangen lässt. Pinar Karabulut jedenfalls entscheidet sich bei der Uraufführung von Mehdi Moradpours «Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig» dafür, mit zehn Minuten rituellem Nichtstun zu beginnen. Vier Gestalten in goldglänzenden Mönchskutten (Kostüme: Tine Werner) meditieren zu sphärischen Klängen vor sich hin; sobald ein Gong ertönt, wechseln sie die Position, ansonsten passiert nichts. Was spätestens beim dritten Gong kolossal nervt.
Der Einstieg schafft so einen hohen Ton, der in keinerlei Verbindung zu Moradpours Stück steht. Das nämlich ist ganz und gar nicht meditativ, sondern hetzt als atemloser Gedankenstrom von einer frühen, vom Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 ausgelösten Klimakatastrophe über eine kleine Geschichte des deutschen Rechtsterrorismus bis zu einer Friedenspreisgala in einer klimatisch wie politisch beunruhigenden nahen Zukunft. Kommentiert wird das Ganze von einem «Chor der Staubflocken», Vulkanasche, die seit 1815 durch die Atmosphäre tanzt und alles schon gesehen hat: Ein radikalisierter Burschenschaftler ermordet 1819 den ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Falk Schreiber
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