Bücherwand Illyrien

Sebastian Nübling inszeniert Shakespeare: «Was ihr wollt» in Hannover

Theater heute - Logo

Liebe? Doch wohl eher ein Großmeisterturnier in Wortverdreherei. Wer «Was ihr wollt» in Thomas Braschs Shakespeare-Übersetzung 20 Jahre später wiederliest, findet ein Blitzschach von Sprachzügen, in dem sich qualmende Hirne mit halsbrecherischen Eröffnungen gegenseitig aufs Kreuz legen, einander mitleidlose Matt-Schlachten und Stellungskriege liefern, bis die karierten Felder tanzen.

Kleines Beispiel für das Handbuch der unsterblichen Partien: Viola (weiß) zieht scheinbar harmlos einen getarnten Bauern: «Seid ihr die Herrin dieses Hauses?» Olivia (schwarz) dreht eine Rochade auf dem Absatz: «Wenn ich mich nicht anders vorstelle, als ich mich dir darstelle, bin ich’s.» Weiß kontert mit einer überkreuzten Doppelturm-Attacke: «Sicher, wenn Ihr Euch als was vorstellt, das sich anders vorstellt, als es sich darstellt, habt Ihr nicht das Recht, Euch dem anderen vorzuenthalten.» Schon qualmt das Brett, und was liegt näher, als Shakespeares Spielfeld Illyrien dahin zu verlegen, wo sich «Wort- und Mordlust nähern»: in eine schöne Bibliothek.

Muriel Gerstners teakfarbene Bücherwand ist zehn Meter breit, fünf Meter hoch, anderthalb Meter tief und umfasst schlappe 4500 Bände. Sie schließt die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2005
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jon Fosses Erben

Norwegen ist das ideale Land zum Schreiben: Die Dunkelheit, die Einsamkeit und die überwältigende Natur schaffen für Dramatiker inspirierende Bedingungen – denkt man. Auf jeden Fall funktionierte es für Henrik Ibsen 1850 und das nächste Mal 1995 für Jon Fosse, ganz im Sinne des selbstironischen Mythos der Norweger, dass in ihrem Land nur für einen Dramatiker zur...

Leonhard Frank und Von drei Millionen drei

«Von drei Millionen drei» heißt der 1932 erschienene Roman von Leonhard Frank, den Fritz Katers «3 von 5 Millionen» fortschreibt. Er erzählt, wie drei Arbeitslose – ein Schreiber, ein Schneider und ein Fabrikarbeiter – ihre Heimatstadt verlassen, nach Hamburg wandern, auszuwandern beschließen, in Buenos Aires Arbeit finden, bis sie auch dort die...

Zwiebelsuppe

Der Regisseur Michael Simon hat sich einen Namen gemacht als Maître de Plaisir des Theaters. Er begnügt sich nicht mit den herkömmlichen Guckkastenkonventionen – das werte Publikum soll schon etwas mehr Anteil nehmen am Geschehen, auch physischen; gern wird es auf die Bühne gebeten, um den Schweiß der Schauspieler zu riechen und hautnah strömen zu sehen, es soll...