Abschied vom weißen Mann in den besten Jahren

Sonja Anders startet am Schauspiel Hannover mit vorbildlich diver­sifiziertem Stab und Neulektüren des Kanons von Goethe bis Tschechow

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Die Natur, die Goethes Werther einst schwärmerisch zu umfassen suchte, ist brüchig geworden. Sie ist ein Hörensagenphänomen. So wie Regisseurin Lilja Rupprecht sie an diesem Abend ins Schauspiel Hannover holt: Wellen schwappen auf dem Videoscreen so zähflüssig, als wären sie schon ein Ölteppich. Ein Fotoplakat prangt mit dem Versprechen auf «Natur» und werbeästhetisch-roter Erdbeere. Darunter radelt sich Sebastian Nakajew auf einer Art Hometrainer den Wolf. Wir sind auf der Hälfte des Romans.

Werther nimmt gerade Reißaus von der fatalen Ménage à trois, in der er sich mit Lotte und Albert verloren hat. Nakajew tritt in die Pedale, und Drumbeats schwellen an, das Licht flackert heller. Er lässt ab, und die Energie versiegt, Sound und Lampen fahren runter. Und dann von vorn. Das Bild ähnelt dem, das Katie Mitchell dereinst für ihre Klimanotstandsreflexion «Atmen» an der Berliner Schaubühne wählte: Die Muskelkraft am ewigen Hamster(fahr)rad bringt schmerzlich in Erinnerung, was so ein Bühnenraum an Kilowattstunden Energie frisst. 

Multimedia-Fantast Werther

Es ist der Herbst ’19, ein Herbst für die Geschichtsbücher. Draußen vor den Theatertüren gehen Millionen junge Menschen für eine ...

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Theater heute November 2019
Rubrik: Starts, Seite 20
von Christian Rakow

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