Katja Brunner; Foto: Katrin Ribbe
Bohrungen im Weltenbauch
Wie gehen wir mit der Vergangenheit um, gerade wenn Verbrechen geschahen, die vergraben wurden und unbeachtet erodieren wie der Erdboden? Wie gehen wir damit um, wenn diese Verbrechen in der Heimat geschahen und bis zum heutigen Tag kaum als solche erkannt werden? Die Rede ist von der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Vergangenheitsbewältigung haben in diesem Land viele betrieben, und doch haben sie keine großen Spuren hinterlassen. Katja Brunner, 1991 in Zürich geboren, bewältigt die Vergangenheit mit den Mitteln der Kunst. Und die sind unberechenbar.
Wer in diesem Stück das Eindeutige sucht, scheitert schon am Titel. Es gibt nicht einen, sondern drei: «Den Schächtern ist kalt oder Ohlalahelvetia oder alles muss alt werden, nur du nicht, mein lieber holocaust». In der Arbeitsfassung, die einige Monate vor Probenbeginn vorliegt, treffen wir auf drei Frauen unterschiedlicher Generationen und zwei Männer. Wer wann spricht, ist nicht genau auszumachen, ebenso wenig die Frage, wer genau sie sind. Die Autorin? Zeitzeuginnen? Das kollektive Ich? In Brunners Stück ist eine Regieanweisung auch eine Figurenrede. Die Sprache steht im Kontrast zur geordneten Schweizer Oberfläche, ...
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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 161
von Andreas Karlaganis
Ich kann diesen Satz nicht lesen. Ich kann versuchen, ihn auszusprechen, aber das klingt albern. Ich spreche kein Deutsch, noch nicht. Ich schreibe für eine Sprache, die ich nicht beherrsche oder die ich mich weigere zu beherrschen, kommt drauf an, wen man fragt. Eine Sprache, in die Irina für mich übersetzen muss. Ich vermeide es, in meiner Muttersprache zu...
Während des stalinistischen «Großen Terrors» wurden in der Sowjetunion von 1936 bis ’38 rund 1,5 Millionen Menschen verhaftet – ein Prozent der Bürger. Davon wurden 750.000 erschossen, mit oder ohne Schauprozess, bis zu 200.000 weitere starben in der Lagerhaft. Diese groben, entsetzlichen Fakten sind bekannt. Über die Details gibt es zwar Bibliotheken voller Bücher...
I would like to think that today we are living the imaginaries of those, who have been long gone», sagte Angela Davis vor kurzem bei einem Auftritt in London. Damit bezog sie sich auf Antonio Gramscis Aussage vom Pessimismus des Intellekts und Optimismus des Willens und sprach weiter: «Yes, we have always to believe that ultimately we will be able to change the...
