Bochum: Skandal verbal

nach Marquis de Sade «Die Philosophie im Boudoir»

Theater heute - Logo

Den Anfang macht eine Zirkusnummer: Eine Frau im märchenhaften Kinderkleid wird nur an den Haaren hängend aus der Versenkung in den Bühnenhimmel gezogen, dabei dreht sie sich wie tanzend um sich selbst. Wir sind, so scheint es, in einer Art Kinderbelustigung für Erwachsene. Sechs Gestalten, einheitlich grell geschminkt, kichern und lassen die Zungen kreisen. Seltsame Clowns in aufgedonnerten, historisierend klerikalen Kostümen, weitschwingende Nonnenhauben, eine schwarze Bischofsmütze, ein schwarzer Blütenkranz, eine schwarze Strahlenkrone (Kostüme: Victoria Behr).

Was sie dann reden, ist nichts für Kinder (auch nichts für manche Erwachsene, die in der Premiere fluchtartig die Vorstellung verließen). De Sades «Philosophie im Boudoir» wurde 1794 im Gefängnis geschrieben. In den Dialogen geht es um die Einweisung der Klosterschülerin Eugénie in sexuelle Ausschweifungen aller Art. Das ist kaum zu lesen, geschweige denn auf die Bühne zu bringen. Aber Herbert Fritsch findet einen Weg: Die Lust wird lustig. Sein Humor macht die härteste Pornographie heiter und die blutigste Brutalität erträglich. 

Nichts wird gezeigt, alles gesagt. Keine Figur verfestigt sich. Der Text flottiert frei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
Neue Stücke · Aufführungen (2/2019)

Aufführungen 

«Is einer zäh, muß er gebeitzt werd’n; wennst ein’n Aufgeblasenen erwischst, die sind nur zu vertragen, wenn s’ in a rechte Soß kommen; und Spicken, ordentlich Spicken is bey alle Naturen gut, weil es Alle feiner und milder macht.» Dieser schöne Menschen-Rezeptvorschlag steht in Johann Nepomuk Nestroys «Häuptling Abendwind», eine Komödie aus der...

Wildes Weib, neu formatiert

Kindsmörderinnen sind kein Mythos. Wer die Nachrichten nach Müttern durchkämmt, die ihre Kinder umgebracht haben, oft gleich nach der Geburt, stößt meist auf sozial oder psychisch prekäre, als Kind selbst vernachlässigte und misshandelte Frauen, häufig allein oder in schwierigen Beziehungen. Was auch immer ihr Motiv sein mag – ökonomische Ausweglosigkeit, Druck der...

Kiel: Vorläufig in Sicherheit

«Im Jahr 2015 begibt sich eine alte Frau aus Mossul mit ihrer vierjährigen Enkelin auf die Flucht. Sie legt 18.000 Kilometer zurück, vom Irak zum Baltikum, über die sogenannte Balkanroute. Dies ist ihre unglaubliche Geschichte.» Stefano Massini ist gut darin, komplexe Themen auf Boulevardniveau herunterzubrechen – dass seine Protagonistin Haifa quer durch Europa...