Beweglicher werden
Keine Versammlungen mehr, kein Gegenüber mehr von Mensch zu Mensch – das war und ist hart für Theaterleute in Zeiten der Pandemie. Aber mindestens ebenso hart und zutiefst verunsichernd ist die allgemeine Planungsunsicherheit. Die darstellende Kunst ist zwar eigentlich die spontanste und unmittelbarste aller Künste. Es ist ja gerade ein Wesensmerkmal des Theaters, dass es formal und inhaltlich schnell auf Krise und Veränderungen reagieren kann. Theater jedoch, wie wir es heute kennen, ist unfassbar planungsintensiv und unflexibel. Das hat man gemerkt in der Pandemie.
Das fein verästelte, filigran gesponnene, riesige, vielfach weltweite Netz von komplexen Verabredungen, Abläufen und Plänen, aus denen jedes einzelne Theater ebenso wie die Theaterlandschaft als Ganzes besteht, wurde jäh zerrissen. Es ist nicht mal eben schnell neu geknüpft. Schon gar nicht, wenn sich die Rahmenbedingungen ständig weiter verändern und kein Ende in Sicht ist. Vor allem dort, wo nach alter Schule oben gedacht und unten gemacht wird, fallen kurzfristige Anpassungen schwer. Wohl der Institution, die in so einer Situation beweglich ist.
Die Debatte darüber, was nötig und was möglich ist, hat durch die ...
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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 54
von Anja Dirks
Die Reise – oder besser: der Ritt – beginnt an einer Straßenecke in Jaffa, Tel-Aviv. Das Jahr: 2014, die Zeit: vier Uhr morgens, die Heldin: Sivan Ben Yishai – Moment mal: Sivan? Die Autorin Sivan Ben Yishai? Die Hausautorin des Nationaltheaters Mannheim? Ja, genau die. Sie ist die Hauptfigur des neuen Stücks «Wounds Are Forever (Selbstporträt als...
Beschleunigung in allen Lebensbereichen war ein fundamentales Phänomen unserer Zeit. Denn höher, schneller, weiter ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken oder zu entwerfen, galt bislang als kritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie...
In seiner bahnbrechenden Theorie um Ödipuskomplex und Penisneid hat Sigmund Freud den zweiten Part des Mythos komplett ausgeblendet: die Rolle der Jokaste. Jokaste? Genau, die Mutter, pardon: Frau des Ödipus, der mit ihr vier Kinder zeugte, nachdem er ihren Mann und seinen Vater erschlagen hatte. Diese vernachlässigte Figur aber soll, wie könnte es anders sein, in...
