Sich die Geschichte auf den Körper schreiben
Die Reise – oder besser: der Ritt – beginnt an einer Straßenecke in Jaffa, Tel-Aviv. Das Jahr: 2014, die Zeit: vier Uhr morgens, die Heldin: Sivan Ben Yishai – Moment mal: Sivan? Die Autorin Sivan Ben Yishai? Die Hausautorin des Nationaltheaters Mannheim? Ja, genau die. Sie ist die Hauptfigur des neuen Stücks «Wounds Are Forever (Selbstporträt als Nationaldichterin)» von Sivan Ben Yishai.
Auf dem Rücken einer Deutschen Schäferhündin reitet Sivan durch Raum und Zeit, durch die Abgründe, Verstrickungen und Verbrechen der deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichte. Von Jaffa im Jahr 2014 ins Deutschland des Jahres 1938, von Kuba an die russische Front, von Slowenien nach Mailand, durch das Mittelmeer nach Palästina. Und Sivans Gestalt verwandelt sich ständig: von der «Autorin» in eine Holocaustüberlebende, in eine sowjetische Partisanin, in eine Asylsuchende, in eine überzeugte Zionistin, in eine von Kopf bis Fuß bandagierte, mit Orden und Waffen behängte Kriegerin. Sivan ist Opfer und Täterin zugleich, Anklagende und Angeklagte, sie steht über allem und ist zugleich mit allem verstrickt.
Erzählt wird ihre Geschichte von einem Chor aus vielen Stimmen, unterbrochen von ihrer ...
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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 137
von Kerstin Grübmeyer
Auf dem Spielplan des HAU kündigten wir für den 8. April 2008 ein Stück mit dem Titel «Hauptversammlung» an. Es begann recht früh am Tag. Schon auf dem Weg zum Berliner Messegelände, dem Aufführungsort, konnte man die anderen Besucher*innen ausmachen: Knapp 6000 Aktionär*innen hatten sich in Bewegung gesetzt.
An diesem Tag können sie es anfassen: ihr Unternehmen....
Ausgerechnet die Balkone, diese ja auch theaterhistorisch mit einiger Bedeutung aufgeladenen Luftorte, ob real in Shakespeares Verona oder als Metapher in der ungenannten Stadt bei Genet, sind während der Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, zu Vorbauten des Unbehagens geworden. Von Balkonen aus wurde in vielen Ländern jenen prekarisierten Arbeiter*innen...
Einen besonders heldischen Eindruck macht Clara nicht. Alleinstehend, Mitte 40, mit heftig pubertierendem Sohn, der beim Vater und seiner neuen Freundin lebt und den sie nur am Wochenende sieht. Sie ist eine von Ewald Palmetshofers «Verlorenen», dem Stück des Jahres, die zwar erkennbar von der Erfolgsspur abgekommen sind, die eine urbane Mittelklasse vorzeichnet,...
