Gesellschaft neu denken
Beschleunigung in allen Lebensbereichen war ein fundamentales Phänomen unserer Zeit. Denn höher, schneller, weiter ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken oder zu entwerfen, galt bislang als kritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten können, während und nach der Krise. Um genau zu sein: nach der Corona-Krise – denn eine komplexe globale Krise war auch vor der Pandemie schon da.
Die Klimakrise mit Unwettern zuvor unbekannten Ausmaßes, Verschmutzung der Meere und des Festlandes, Erderwärmung. Die Krise der wachsenden Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, die sich nach dem Ende des Kolonialismus ökonomisch fortgeschrieben hat. Flucht- und Migrationsbewegungen, die von der Ungleichheit maßgeblich
produziert werden. Zunehmende Präsenz rechter und völkischer Parteien und Regierungen in Europa und den Amerikas. Die Krise der wachsenden sozialen Gräben in Europa. Jugendarbeitslosigkeit, Prekarisierung von Arbeit, aber auch klassenorientierte medizinische Versorgung in vielen Teilen der ...
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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 46
von Amelie Deuflhard
Was ist der Mensch in Extremsituationen? Hamstert, plündert oder teilt er? Denkt er zunächst an sich allein, oder steckt mehr im Menschen, als wir denken? Der niederländische Historiker Rutger Bregman zum Beispiel ist ein Philantrop. Krisen wie jetzt, ausgelöst durch den Corona-Virus, sind der Crash-Test. Bregman ist überzeugt, der Mensch sei im Grunde gut,...
Dass die Gefährdeten einer Gesellschaft unter einen besonderen Schutz gestellt werden und Konsens darüber erlangt wird, dass das Leben eines jeden einzelnen Menschen einen Wert hat und geschützt werden muss, hatte ich in diesem Ausmaß bis zu den Corona-Schutzmaßnahmen noch nicht erfahren dürfen. Leider. Aber jetzt war es möglich. Unerwartet. Konsequent.
Der Staat...
Schon seit Jahrhunderten haftet Intendant*innen der Ruf an, dass sie bisweilen die unter ihrer Obhut Stehenden nicht ausschließlich mit wohlmeinender Fürsorglichkeit umsorgen. Während der Pest in Venedig zum Beispiel wurde die verordnete Ausgangssperre rigoroser gehandhabt als zu unseren Zeiten, ausnahmslos hatte man im Haus zu bleiben, die Türen wurden von außen...
