Bewährung statt lebenslänglich

Kann man «Peer Gynt» heute noch spielen? Ein kritischer Versuch von Dusan David Parizek in Bochum

Greenwashing statt Rettung des Planeten, Quoten statt Ende des Patriarchats, Entschuldigung statt Entschädigung für Kolonialverbrechen: Das Bitterste, was Fundamentalkritik passieren kann, ist, wenn sie von ebenjenem System vereinnahmt wird, das abzuschaffen sie angetreten ist. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass kleine Verbesserungen immer noch besser sind als keine. Mitten in diesem Konfliktfeld bewegt sich auch der neue, historisch-kritische und sehr musikalische «Peer Gynt» von Regisseur Dusan David Parizek, zu sehen im Livestream des Schauspiels Bochum.

Parizek interpretiert die Abenteuer, die Henrik Ibsen den norwegischen Bauernjungen Peer erleben oder erträumen ließ, als Ausgeburt eines kolonialen, patriarchalen, unternehmerischkapitalistischen Zeitgeists. Dass man dabei mit Vergnügen zusieht, liegt vor allem an Anna Drexler in der Titelrolle. Sie spielt den jungen Peer auf dem steilen Bühnenrechteck (Bühne ebenfalls von Parizek) mit hyperaktivem Außenseitercharme, verführt im netzbestrumpften Riot-Grrrl-Outfit nicht Ingrid, sondern deren glücklosen Bräutigam Matz, und wenn sie auf Solveig trifft, schimmert kurz und klar auf, wer Peer hätte sein können, hätte er ...

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Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 44
von Cornelia Fiedler

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