Bewährung statt lebenslänglich

Kann man «Peer Gynt» heute noch spielen? Ein kritischer Versuch von Dusan David Parizek in Bochum

Theater heute - Logo

Greenwashing statt Rettung des Planeten, Quoten statt Ende des Patriarchats, Entschuldigung statt Entschädigung für Kolonialverbrechen: Das Bitterste, was Fundamentalkritik passieren kann, ist, wenn sie von ebenjenem System vereinnahmt wird, das abzuschaffen sie angetreten ist. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass kleine Verbesserungen immer noch besser sind als keine. Mitten in diesem Konfliktfeld bewegt sich auch der neue, historisch-kritische und sehr musikalische «Peer Gynt» von Regisseur Dusan David Parizek, zu sehen im Livestream des Schauspiels Bochum.

Parizek interpretiert die Abenteuer, die Henrik Ibsen den norwegischen Bauernjungen Peer erleben oder erträumen ließ, als Ausgeburt eines kolonialen, patriarchalen, unternehmerischkapitalistischen Zeitgeists. Dass man dabei mit Vergnügen zusieht, liegt vor allem an Anna Drexler in der Titelrolle. Sie spielt den jungen Peer auf dem steilen Bühnenrechteck (Bühne ebenfalls von Parizek) mit hyperaktivem Außenseitercharme, verführt im netzbestrumpften Riot-Grrrl-Outfit nicht Ingrid, sondern deren glücklosen Bräutigam Matz, und wenn sie auf Solveig trifft, schimmert kurz und klar auf, wer Peer hätte sein können, hätte er ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 44
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Kino im Schrumpfformat

Im letzten Jahr hatten sie es noch haarscharf geschafft: Knapp bevor die erste Welle der Pandemie sämtliche kulturellen Aktivitäten hinwegspülte, ging Carlo Chatrians und Marietta Rissenbeeks erste Berlinale mit allem Drum und Dran über die Live-Bühne, deutlich zurückhaltender und ästhetisch herausfordernder allerdings, als man es von Vorgänger Dieter Kosslick...

Vom Kothurn ans Mikrofon

Von den werkgetreuen Togen und Tuniken und dem gräzisierenden Tempelchen auf der Bühne sollte man sich nicht allzu sehr in die Irre führen lassen. Diese «Orestie» ist «revisited», was überarbeitet bedeutet, überschrieben. Aber auch nicht ganz. Doch der Reihe nach. 

Erst mal wird das Publikum ein wenig eingeschüchtert: Die «Orestie» im Originaltext, das macht 175...

Analoge Störmanöver

Das wahre Happening spielte sich vor dem Theater ab. Die Basler Kasernenwiese an diesem ersten frühsommerlichen Freitagabend nach dem Ende eines zermürbenden Kultur- und Freizeit-Lockdowns: bunt bevölkert, Straßencafés und Außenbars geöffnet. Eine Ahnung von der Leichtigkeit des Seins im Real Life liegt in der Luft. So wie früher, vor Corona. Beinahe. Denn am...